Qualitätsmanagement·6 min Lesezeit

Werkstoffprüfung: Zerstörend vs. zerstörungsfrei

Max Silanoglu
Max Silanoglu8/24/2026
Werkstoffprüfung an einem Maschinenbauteil im Werk

Ein Bauteil aus Fernost trifft ein. Die Zeichnung verlangt eine Zugfestigkeit von mindestens 500 N/mm², doch ein Prüfzeugnis liegt nicht vor. Jetzt stellt sich die Frage, welches Verfahren der Werkstoffprüfung die geforderte Eigenschaft nachweisen kann. Ebenso wichtig: Darf das Bauteil dabei zerstört werden oder nicht? Genau diese Unterscheidung entscheidet in der Beschaffung häufig darüber, welche Prüfstrategie sinnvoll ist.

Kurz & knapp: Werkstoffprüfung teilt sich in zwei Gruppen. Zerstörende Verfahren (Zugversuch, Biegeversuch, Kerbschlagbiegeversuch) liefern mechanische Kennwerte, machen das Bauteil dabei aber unbrauchbar. Zerstörungsfreie Verfahren (Sichtprüfung, Eindringprüfung, Ultraschall-, Durchstrahlungs- und Wirbelstromprüfung) erkennen Fehler, ohne das Teil zu beschädigen. In der Praxis ergänzen sich beide Ansätze: zerstörende Prüfung an Stichproben, zerstörungsfreie Prüfung an der gesamten Charge oder an Serienteilen, die weiterverwendet werden sollen.

Was versteht man unter Werkstoffprüfung?

Werkstoffprüfung umfasst alle Verfahren, mit denen die mechanischen, physikalischen oder chemischen Eigenschaften eines Materials oder Bauteils überprüft werden. Ziel ist es, festzustellen, ob ein Werkstoff die in der Spezifikation geforderten Eigenschaften erfüllt. Dazu zählen etwa Festigkeit, Härte, Zähigkeit oder die Abwesenheit innerer Fehler wie Lunker und Risse.

In der internationalen Beschaffung ist Werkstoffprüfung selten reiner Selbstzweck. Sie ist meist die Antwort auf eine konkrete Vertrauensfrage: Entspricht das gelieferte Material tatsächlich der bestellten Güte, oder wurde beim Fertiger an der falschen Stelle gespart? Genau deshalb lohnt es sich, das Prüfverfahren schon bei der Bestellspezifikation festzulegen und nicht erst beim Wareneingang zu entscheiden.

Grundsätzlich unterscheidet die Deutsche Gesellschaft für Zerstörungsfreie Prüfung e.V. (DGZfP) zwei Kategorien von Prüfverfahren. Sie unterscheiden sich in einem zentralen Punkt: ob das geprüfte Bauteil danach noch verwendbar ist.

Neben den mechanischen Prüfverfahren gehört auch die chemische Analyse zur Werkstoffprüfung im weiteren Sinne. Sie bestätigt etwa die Legierungszusammensetzung eines Bauteils. Für zyklisch belastete Bauteile kommt zusätzlich der Dauerschwingversuch (Schwingfestigkeitsversuch) nach DIN 50100 zum Einsatz. Er ermittelt die Ermüdungsfestigkeit unter wiederholter Belastung, ein Aspekt, den rein statische Zug- oder Biegeprüfung nicht abdeckt.

Ultraschallprüfung im Detail

Was unterscheidet zerstörende von zerstörungsfreier Werkstoffprüfung?

Zerstörende Prüfverfahren (englisch: destructive testing) beschädigen oder zerstören das geprüfte Bauteil. Dafür liefern sie exakte mechanische Kennwerte wie Zugfestigkeit, Bruchdehnung oder Kerbschlagzähigkeit. Zerstörungsfreie Prüfverfahren (ZfP, englisch: non-destructive testing, NDT) erkennen Fehler wie Risse, Poren oder Einschlüsse, ohne das Bauteil zu beschädigen. Direkte Festigkeitskennwerte liefern sie dafür allerdings nicht.

Die Wahl zwischen beiden Ansätzen hängt vom Prüfziel ab. Soll ein neuer Werkstoff oder ein neues Bauteildesign freigegeben werden, ist die zerstörende Prüfung an Stichproben unverzichtbar. Nur sie liefert die dafür nötigen belastbaren Kennwerte. Soll dagegen die gesamte Liefercharge oder ein fertiges Serienteil auf innere Fehler geprüft werden, ist die zerstörungsfreie Prüfung die einzige praktikable Option. Das Teil muss schließlich anschließend verbaut werden können.

Welche zerstörenden Prüfverfahren werden in der Praxis eingesetzt?

Zerstörende Prüfverfahren kommen meist an Stichproben aus einer Charge zum Einsatz, seltener an jedem einzelnen Bauteil. Die wichtigsten Verfahren im Maschinenbau sind:

Verfahren

Ermittelte Kennwerte

Typischer Einsatzbereich

Zugversuch

Zugfestigkeit, Streckgrenze, Bruchdehnung

Werkstofffreigabe, Erstmusterprüfung

Biegeversuch

Duktilität, Verformbarkeit

Schweißnähte, Blechbauteile

Kerbschlagbiegeversuch (Charpy-Versuch)

Zähigkeit bei Schlagbelastung

Bauteile für niedrige Temperaturen

Härteprüfung

Festigkeit, Verschleißbeständigkeit

Stichprobenkontrolle an Halbzeugen

Diese Verfahren liefern belastbare, normgerechte Kennwerte, die sich direkt mit den Anforderungen aus der Bestellspezifikation vergleichen lassen. Ihr Nachteil: Jede geprüfte Probe ist danach unbrauchbar, weshalb sich zerstörende Prüfung nicht auf jedes einzelne Bauteil einer Lieferung anwenden lässt.

Welche zerstörungsfreien Prüfverfahren (ZfP) gibt es?

Zerstörungsfreie Prüfverfahren erkennen Oberflächen- und teilweise auch innere Fehler, ohne das Bauteil unbrauchbar zu machen. Laut der DGZfP zählen folgende Verfahren zu den in der Industrie am häufigsten eingesetzten Methoden:

Verfahren

Was wird erkannt

Typischer Einsatzbereich

Sichtprüfung

Oberflächenfehler, Maßabweichungen

Erste Kontrolle bei jedem Wareneingang

Eindringprüfung (PT)

Oberflächenrisse, feine Poren

Schweißnähte, Gussteile

Magnetpulverprüfung (MT)

Oberflächen- und oberflächennahe Risse

Ferromagnetische Werkstoffe wie Stahl

Ultraschallprüfung (UT)

Innere Fehler, Lunker, Dopplungen

Dickwandige Bauteile, Schweißnähte

Durchstrahlungsprüfung (RT)

Innere Fehler, Einschlüsse, Porosität

Gussteile, kritische Schweißverbindungen

Wirbelstromprüfung (ET)

Oberflächennahe Risse, Materialfehler

Elektrisch leitfähige Werkstoffe, Rohre

Die Sichtprüfung ist dabei das einfachste und am weitesten verbreitete Verfahren, deckt aber nur Fehler ab, die von außen erkennbar sind. Für tieferliegende Fehler sind Ultraschall- oder Durchstrahlungsprüfung notwendig, beide jedoch mit höherem Aufwand und entsprechenden Kosten verbunden.

Wann sollten Einkäufer zerstörende und wann zerstörungsfreie Prüfung fordern?

In unseren Beschaffungsprojekten in Fernost empfehlen wir eine klare Kombination. Bei der Erstmusterprüfung eines neuen Lieferanten oder Bauteils setzen wir auf zerstörende Prüfung, um die grundsätzliche Werkstoffgüte zu bestätigen. Für jede weitere Lieferung dient zerstörungsfreie Prüfung als laufende Kontrolle. Diese Kombination reduziert das Risiko, ohne die Kosten für jede einzelne Lieferung unnötig in die Höhe zu treiben.

Drei praktische Leitfragen helfen bei der Entscheidung:

Leitfrage

Antwort deutet auf

Muss ein exakter Kennwert nachgewiesen werden (z. B. Zugfestigkeit für eine tragende Konstruktion)?

Zerstörende Prüfung an Stichproben

Muss die gesamte Charge oder ein Serienteil geprüft werden, das anschließend verbaut wird?

Zerstörungsfreies Verfahren

Wie kritisch ist ein unentdeckter Fehler für Sicherheit oder Funktion?

Je kritischer, desto eher Kombination mehrerer ZfP-Verfahren

Diese Entscheidung sollte bereits in der Bestellspezifikation festgehalten werden, nicht erst diskutiert werden, wenn die Lieferung bereits im Wareneingang steht. Wer Bauteile mit engen Form- und Lagetoleranzen beschafft, sollte zusätzlich klären, ob die geometrische Prüfung Teil der vereinbarten Prüfstrategie ist.

Wie hängen Prüfverfahren und Prüfzeugnisse zusammen?

Das Ergebnis einer Werkstoffprüfung wird in der Regel in einem Prüfzeugnis dokumentiert. Je nach vereinbarter Prüfschärfe reicht das vom einfachen Werksprüfzeugnis bis zum Abnahmeprüfzeugnis 3.1 nach DIN EN 10204. Letzteres wird von einer unabhängigen Stelle des Herstellers bestätigt. Welches Prüfverfahren zum Einsatz kam und mit welchem Ergebnis, muss im Zeugnis nachvollziehbar dokumentiert sein. Sonst fehlt später der Nachweis für Reklamationen.

Auch die zulässigen Maßtoleranzen, etwa nach ISO 2768, sollten Teil der Prüfvereinbarung sein. Eine Werkstoffprüfung ohne begleitende Maßprüfung deckt sonst nur einen Teil der relevanten Qualitätsmerkmale ab. Wo im Prozess welche Prüfung sinnvoll ist, lässt sich am einfachsten anhand der eigenen Wareneingangsprüfung festlegen: Sichtprüfung und Maßkontrolle gehören direkt zur Anlieferung, aufwendigere ZfP-Verfahren dagegen gezielt zu kritischen Merkmalen. Für die Personalqualifikation hinter diesen Verfahren bietet die DGZfP-Zertifizierung einen guten Anhaltspunkt.

Häufig gestellte Fragen

Ist Ultraschallprüfung teurer als Sichtprüfung?

Ja, Ultraschallprüfung erfordert geschultes Personal und spezielle Messtechnik, während die Sichtprüfung mit geringem Aufwand durchführbar ist. Der Mehraufwand lohnt sich jedoch bei Bauteilen, bei denen innere Fehler sicherheitsrelevant sind und rein äußerlich nicht erkennbar wären.

Kann man ein Bauteil nach einer zerstörungsfreien Prüfung noch verwenden?

Ja, das ist der zentrale Vorteil der zerstörungsfreien Prüfung. Anders als bei Zugversuch oder Biegeversuch bleibt das Bauteil nach der Prüfung intakt und kann bei bestandener Prüfung normal weiterverwendet oder verbaut werden.

Welches Verfahren eignet sich für Schweißnähte?

Für Schweißnähte kommen meist Eindringprüfung (für Oberflächenrisse) und Ultraschall- oder Durchstrahlungsprüfung (für innere Fehler wie Bindefehler oder Poren) zum Einsatz. Bei kritischen tragenden Konstruktionen wird häufig eine Kombination mehrerer Verfahren gefordert.

Fazit: Werkstoffprüfung als Grundlage zuverlässiger Bauteile

Zerstörende und zerstörungsfreie Werkstoffprüfung schließen sich nicht aus, sie ergänzen sich. Eine durchdachte Werkstoffprüfung ist damit kein Selbstzweck, sondern das Fundament belastbarer Beschaffungsentscheidungen. Wer beide Ansätze kennt und gezielt in der Bestellspezifikation verankert, reduziert das Risiko unerkannter Materialfehler, ohne jede Lieferung unnötig zu verteuern.

Line Up begleitet Sie bei der internationalen Beschaffung mit dem technischen Verständnis, das für die richtige Prüfstrategie nötig ist. Das reicht von der Auswahl des passenden Prüfverfahrens bis zur Bewertung der Prüfzeugnisse. 👉 Lassen Sie sich unverbindlich beraten.

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