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Auf fast jeder technischen Zeichnung für mechanische Bauteile steht irgendwo der Vermerk „ISO 2768-mK" oder „Allgemeintoleranz DIN ISO 2768-m". Für Einkäufer, die Bauteile aus internationalen Märkten beziehen, ist das mehr als ein Normkürzel. Es bestimmt, welche Maßabweichungen der Fertiger einhalten muss — und damit, ob das Teil am Ende passt oder nicht.
Kurz & knapp: ISO 2768 legt Allgemeintoleranzen für alle Maße fest, die auf einer Zeichnung nicht einzeln toleriert sind. Teil 1 definiert vier Klassen für Längen- und Winkelmaße (f, m, c, v), Teil 2 drei Klassen für Form und Lage (H, K, L). Die häufigste Angabe im Maschinenbau ist ISO 2768-mK — mittlere Genauigkeit für Maße und Geometrie. Die Norm befindet sich derzeit in Überarbeitung — der FDIS-Entwurf durchläuft seit April 2026 die Abstimmung, die Veröffentlichung wird Ende 2026 erwartet.
ISO 2768 zählt zu den meistverwendeten Normen im Maschinenbau. Sie wurde von der International Organization for Standardization (ISO) veröffentlicht und regelt die zulässigen Abweichungen für alle Maße, die auf einer Zeichnung keine eigene Toleranzangabe tragen. Ohne diese Norm müsste jedes einzelne Maß individuell toleriert werden — bei komplexen Bauteilen mit 50 oder mehr Maßen ein enormer Aufwand.
Gerade im internationalen Einkauf ist ISO 2768 ein stiller Qualitätsanker. Viele Reklamationen entstehen nicht, weil ein Lieferant schlecht fertigt, sondern weil Einkäufer und Fertiger unterschiedliche Annahmen über zulässige Abweichungen treffen. Die Norm schafft hier eine gemeinsame Sprache.
Die Norm gliedert sich in zwei Teile:
ISO 2768-1 (DIN ISO 2768-1): Allgemeintoleranzen für Längenmaße und Winkelmaße
ISO 2768-2 (DIN ISO 2768-2): Allgemeintoleranzen für Form und Lage
In Deutschland wird sie als DIN ISO 2768 geführt. Sie löste die ältere DIN 7168 ab, auf die gelegentlich noch in Altzeichnungen verwiesen wird. Wer tiefer in das Thema Qualitätskontrolle einsteigen möchte, findet dort weitere Grundlagen.
Teil 1 der Norm legt vier Toleranzklassen fest, die sich in ihrer Fertigungsgenauigkeit unterscheiden. Die Klasse „m" (mittel) ist dabei der am weitesten verbreitete Standard — sie findet sich auf einem Großteil aller Maschinenbauzeichnungen. Die Wahl der richtigen Klasse beeinflusst sowohl die Kosten als auch die Funktionssicherheit eines Bauteils.
Klasse | Bezeichnung | Typische Anwendung |
|---|---|---|
f | fein (fine) | Präzisionsbauteile, Passungen, Feinmechanik |
m | mittel (medium) | Standard-Maschinenbauteile, häufigste Klasse |
c | grob (coarse) | Schweißkonstruktionen, Gussteile |
v | sehr grob (very coarse) | Grobe Blechteile, nicht funktionsrelevante Maße |
Warum ist die Klassenauswahl so wichtig? Laut der American Society for Quality (ASQ) verschlingen Qualitätsfehler in der Fertigung 15 bis 20 % des Jahresumsatzes. Eine zu enge Klasse wie „f" treibt die Fertigungskosten in die Höhe, ohne dass es die Funktion erfordert. Eine zu weite Klasse wie „c" kann dagegen zu Passungsproblemen führen. Der Kompromiss zwischen Kosten und Qualität entscheidet sich hier.
Die zulässigen Grenzabweichungen hängen vom Nennmaßbereich ab. Die folgende Tabelle zeigt die Werte für alle vier Toleranzklassen in Millimetern — sie ist die zentrale Referenz für jeden, der mit ISO 2768 arbeitet.
Nennmaßbereich (mm) | f (fein) | m (mittel) | c (grob) | v (sehr grob) |
|---|---|---|---|---|
0,5 bis 3 | ± 0,05 | ± 0,1 | ± 0,2 | — |
über 3 bis 6 | ± 0,05 | ± 0,1 | ± 0,3 | ± 0,5 |
über 6 bis 30 | ± 0,1 | ± 0,2 | ± 0,5 | ± 1,0 |
über 30 bis 120 | ± 0,15 | ± 0,3 | ± 0,8 | ± 1,5 |
über 120 bis 400 | ± 0,2 | ± 0,5 | ± 1,2 | ± 2,5 |
über 400 bis 1000 | ± 0,3 | ± 0,8 | ± 2,0 | ± 4,0 |
über 1000 bis 2000 | ± 0,5 | ± 1,2 | ± 3,0 | ± 6,0 |
über 2000 bis 4000 | — | ± 2,0 | ± 4,0 | ± 8,0 |
Praxis-Beispiel: Ein nicht toleriertes Maß von 50 mm fällt in den Bereich „über 30 bis 120". Bei Toleranzklasse „m" beträgt die zulässige Abweichung ± 0,3 mm — das Bauteil darf also zwischen 49,7 mm und 50,3 mm messen.
Aus unserer Erfahrung in der Beschaffung wissen wir: Besonders der Bereich „über 120 bis 400 mm" sorgt regelmäßig für Diskussionen, weil hier die Differenz zwischen Klasse f (± 0,2 mm) und Klasse c (± 1,2 mm) den Faktor 6 erreicht. Bei Bauteilen in dieser Größe lohnt es sich, die Toleranzklasse bewusst mit dem Konstrukteur abzustimmen.
Neben Längenmaßen definiert die Norm auch Grenzabweichungen für Winkel. Die zulässige Abweichung richtet sich nach der kürzeren Seite des Winkels — nicht nach dem Winkelwert selbst. Je kürzer die Seite, desto größer die erlaubte Abweichung, weil kleinere Geometrien fertigungstechnisch schwieriger zu kontrollieren sind.
Kürzere Seite (mm) | f (fein) | m (mittel) | c (grob) | v (sehr grob) |
|---|---|---|---|---|
bis 10 | ± 1° | ± 1° | ± 1° 30' | ± 3° |
über 10 bis 50 | ± 0° 30' | ± 0° 30' | ± 1° | ± 2° |
über 50 bis 120 | ± 0° 20' | ± 0° 20' | ± 0° 30' | ± 1° |
über 120 bis 400 | ± 0° 10' | ± 0° 10' | ± 0° 15' | ± 0° 30' |
über 400 | ± 0° 5' | ± 0° 5' | ± 0° 10' | ± 0° 20' |
Auffällig: Die Klassen „f" und „m" haben bei Winkelmaßen identische Werte. Das bedeutet, dass die Toleranzklasse „m" bei Winkeln keinen Nachteil gegenüber „f" hat — ein Aspekt, den Konstrukteure bei der Klassenwahl berücksichtigen sollten.
Teil 2 der Norm ergänzt die Maßtoleranzen um geometrische Anforderungen. Er definiert drei Toleranzklassen (H, K, L) für Merkmale wie Geradheit, Ebenheit, Rechtwinkligkeit, Symmetrie und Rundlauf. Klasse K gilt als Standard und findet sich in der Kombination „ISO 2768-mK" auf den meisten Maschinenbauzeichnungen.
Klasse | Strenge |
|---|---|
H | Engste Toleranzen |
K | Mittlere Toleranzen (Standard) |
L | Weiteste Toleranzen |
Nennmaßbereich (mm) | H | K | L |
|---|---|---|---|
bis 10 | 0,02 | 0,05 | 0,1 |
über 10 bis 30 | 0,05 | 0,1 | 0,2 |
über 30 bis 100 | 0,1 | 0,2 | 0,4 |
über 100 bis 300 | 0,2 | 0,4 | 0,8 |
über 300 bis 1000 | 0,3 | 0,6 | 1,2 |
über 1000 bis 3000 | 0,4 | 0,8 | 1,6 |
Kürzere Seite (mm) | H | K | L |
|---|---|---|---|
bis 100 | 0,2 | 0,4 | 0,6 |
über 100 bis 300 | 0,3 | 0,6 | 1,0 |
über 300 bis 1000 | 0,4 | 0,8 | 1,5 |
über 1000 bis 3000 | 0,5 | 1,0 | 2,0 |
Nennmaßbereich (mm) | H | K | L |
|---|---|---|---|
bis 100 | 0,5 | 0,6 | — |
über 100 bis 300 | 0,5 | 0,6 | 1,0 |
über 300 bis 1000 | 0,5 | 0,8 | 1,5 |
über 1000 bis 3000 | 0,5 | 1,0 | 2,0 |
Haben Sie bemerkt, dass die Symmetrietoleranzen bei Klasse H über alle Nennmaßbereiche konstant bei 0,5 mm bleiben? Das liegt daran, dass Symmetrie fertigungstechnisch schwer zu kontrollieren ist und selbst bei engster Klasse eine praktikable Untergrenze braucht.
Die kombinierte Normangabe auf einer technischen Zeichnung folgt immer dem Schema ISO 2768 – [Kleinbuchstabe][Großbuchstabe]. Der Kleinbuchstabe (f, m, c, v) verweist auf Teil 1 und definiert die Toleranzklasse für Längen- und Winkelmaße. Der Großbuchstabe (H, K, L) verweist auf Teil 2 und legt die Klasse für Form- und Lagetoleranzen fest.
Die mit Abstand häufigste Kombination im allgemeinen Maschinenbau ist ISO 2768-mK. Wird nur Teil 1 angewendet, steht auf der Zeichnung „ISO 2768-m" ohne Großbuchstaben. Die Angabe „ISO 2768-mH" kommt vor, wenn Standard-Maßtoleranzen mit engeren geometrischen Anforderungen kombiniert werden sollen.
In unserer Praxis bei der Zeichnungsprüfung für internationale Beschaffungsprojekte sehen wir gelegentlich die Angabe „ISO 2768-mK" auf Zeichnungen, die gleichzeitig an mehreren Stellen individuelle Toleranzen von ± 0,02 mm fordern. Das ist kein Widerspruch — die Einzeltoleranz hat immer Vorrang. Doch es zeigt, dass der Konstrukteur erwartet, dass auch die restlichen Maße einer definierten Genauigkeit folgen.
Die Allgemeintoleranz greift ausschließlich bei Maßen, die auf der technischen Zeichnung keine individuelle Toleranzangabe tragen. Sobald ein Maß explizit toleriert ist — etwa 50 ± 0,05 mm —, hat die Einzeltoleranz Vorrang. Ohne den Normverweis im Schriftfeld sind nicht tolerierte Maße formal undefiniert.
Das klingt einfach, führt in der Praxis aber zu Missverständnissen. Vier Punkte verdienen besondere Aufmerksamkeit:
Die Norm gilt nur, wenn sie im Schriftfeld der Zeichnung ausdrücklich angegeben ist
Sie bezieht sich auf Maße, die durch spanende Bearbeitung oder vergleichbare Verfahren entstehen
Für Gussteile im Rohzustand gelten eigene Normen wie ISO 8062
Maße, die durch Biegen oder Umformen entstehen, unterliegen nicht automatisch ISO 2768
Wer sich vertieft mit dem Thema Qualitätssicherung bei der Beschaffung beschäftigt, findet dort ergänzende Informationen zu Prüfzeugnissen und Abnahmeverfahren.
Für Beschaffungsverantwortliche, die mechanische Bauteile international beschaffen, ist ISO 2768 weit mehr als eine Normangabe — sie ist ein Werkzeug zur Risikominimierung. Laut einer Studie der Politecnico di Milano (2024) lassen sich durch gezielte Toleranzoptimierung 10 bis 21 % der Fertigungskosten einsparen. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, dass zu enge Toleranzen die Kosten um den Faktor 2 bis 24 steigern können. Drei Aspekte sind besonders relevant.
Stimmt die angegebene Toleranzklasse mit den tatsächlichen Anforderungen überein? Eine zu enge Klasse wie „f" statt „m" verteuert die Fertigung, ohne dass die Funktion es erfordert. Umgekehrt kann eine zu weite Klasse „c" statt „m" zu Passungsproblemen im Zusammenbau führen.
Tipp: Sprechen Sie mit Ihrem Konstrukteur, wenn Sie bei der Klassenwahl unsicher sind. Oft lässt sich durch eine Stufe nach oben oder unten erheblich Geld sparen — oder Ausschuss vermeiden.
Nicht alle internationalen Fertigungspartner interpretieren ISO 2768 identisch. Wir empfehlen, die relevanten Toleranztabellen als Bestandteil der Bestellspezifikation mitzuliefern — nicht nur den Normverweis. Das gilt besonders bei der Beschaffung aus Fernost. Wer den Beschaffungsprozess strukturiert aufsetzt, kann solche Anforderungen systematisch in die Lieferantenqualifizierung integrieren.
Die Prüfplanung sollte Maße identifizieren, die zwar unter die Allgemeintoleranz fallen, aber funktionsrelevant sind. Diese Maße verdienen eine Prüfung im Wareneingang, auch wenn sie nicht einzeln toleriert sind. Ein AQL-basiertes Prüfverfahren bietet hier eine bewährte Methodik.
Die Angabe „ISO 2768-mK" auf einer technischen Zeichnung bedeutet, dass alle nicht einzeln tolerierten Maße der Toleranzklasse „m" (mittel) nach ISO 2768-1 unterliegen. Gleichzeitig gelten für geometrische Merkmale wie Ebenheit und Rechtwinkligkeit die Toleranzen der Klasse „K" nach ISO 2768-2. Diese Kombination ist der Standard im allgemeinen Maschinenbau.
Die Allgemeintoleranz nach DIN ISO 2768-m gilt für alle Längen- und Winkelmaße, die auf der Zeichnung keine individuelle Toleranzangabe tragen. Sie gilt nicht für explizit tolerierte Maße und nicht für Rohteile wie Guss- oder Schmiedestücke. Voraussetzung ist, dass die Norm im Schriftfeld der Zeichnung angegeben ist.
Die Allgemeintoleranz nach ISO 2768 gilt nur, wenn die Norm im Schriftfeld der technischen Zeichnung ausdrücklich angegeben ist. Ohne diesen Verweis sind nicht tolerierte Maße formal undefiniert. Sie bezieht sich zudem nur auf Maße, die durch spanende oder vergleichbare Bearbeitung entstehen — nicht auf Rohteile oder Biegemaße.
Der Kleinbuchstabe „m" steht für die Toleranzklasse „mittel" bei Längen- und Winkelmaßen (definiert in ISO 2768-1). Der Großbuchstabe „K" steht für die mittlere Klasse bei Form- und Lagetoleranzen (definiert in ISO 2768-2). Gemeinsam bilden sie die Standardkombination, die auf der Mehrheit aller Maschinenbauzeichnungen zu finden ist.
DIN 7168 war die deutsche Vorgängernorm für Allgemeintoleranzen. Sie wurde durch DIN ISO 2768 ersetzt und ist seit 1991 zurückgezogen. Die Toleranzwerte waren weitgehend vergleichbar, doch die Klassenbezeichnungen und die Struktur unterscheiden sich. Auf aktuellen Zeichnungen sollte ausschließlich ISO 2768 referenziert werden. Altzeichnungen mit DIN 7168-Verweis sollten bei einer Revision umgestellt werden.
ISO 2768 ist ein tägliches Arbeitsinstrument — für Konstrukteure, Qualitätsmanager und Einkäufer gleichermaßen. Wer die Norm versteht und in Bestellspezifikationen korrekt anwendet, vermeidet Missverständnisse in der Lieferkette, reduziert Ausschuss und sichert die Funktion seiner Bauteile. Die Toleranztabellen in diesem Beitrag dienen als Nachschlagewerk für den Arbeitsalltag.
Line Up unterstützt Sie bei der Beschaffung mechanischer Komponenten mit dem nötigen technischen Verständnis. Von der Zeichnungsprüfung über die Lieferantenqualifizierung bis zur Wareneingangskontrolle — wir stellen sicher, dass Ihre Toleranzen nicht nur auf dem Papier stimmen. 👉 Lassen Sie sich unverbindlich beraten.
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