Beschaffung·14 min Lesezeit

Passungen: H7-Passungstabelle und ISO 286

Max Silanoglu
Max Silanoglu6/15/2026
Qualitätsprüfung Bohrung mit Messuhrtaster

Zwei Bauteile sollen zusammenpassen: eine Welle in einer Bohrung, ein Lager auf einem Sitz, ein Stift in einer Aufnahme. Ob sich diese Teile später leicht fügen, klemmen oder nur mit der Presse zusammengehen, entscheidet kein Zufall, sondern eine Angabe wie „Ø50 H7/g6" auf der Zeichnung. Für Einkäufer, die mechanische Komponenten aus internationalen Märkten beziehen, ist diese kurze Kombination aus Buchstaben und Zahlen ein Schlüssel: Sie bestimmt Funktion, Montierbarkeit und Reklamationsrisiko gleichermaßen.

Kurz & knapp: Eine Passung beschreibt das Zusammenwirken der Toleranzen von Bohrung und Welle. Im System der Einheitsbohrung trägt die Bohrung immer das Grundabmaß H. H7 ist die mit Abstand häufigste Bohrungstoleranz im Maschinenbau. Über die Wahl der zugehörigen Welle (g6, h6, k6, n6, p6, s6 …) ergibt sich eine Spielpassung, Übergangspassung oder Presspassung. Die Toleranzwerte sind in ISO 286 genormt. Die H7-Passungstabelle weiter unten zeigt die Grenzabmaße je Nennmaßbereich.

Was ist eine Passung, und warum betrifft sie den Einkauf?

Eine Passung ist das maßliche Verhältnis zwischen zwei zusammengehörigen Teilen vor der Montage, klassisch zwischen einer Bohrung (dem „umfassenden" Teil) und einer Welle (dem „umfassten" Teil). Da kein Bauteil exakt auf ein Nennmaß gefertigt werden kann, definiert man für beide Teile zulässige Toleranzbereiche. Aus deren Lage zueinander ergibt sich, ob nach dem Fügen ein Spiel oder ein Übermaß entsteht.

Für den technischen Einkauf ist das mehr als ein Konstruktionsdetail. Die Passungsangabe legt fest, wie genau ein Fertigungspartner arbeiten muss. Davon hängt ab, wie teuer das Teil wird und wie hoch das Risiko ist, dass eine Lieferung nicht funktioniert. Eine zu eng gewählte Passung verteuert die Fertigung ohne funktionalen Nutzen; eine zu weit gewählte führt zu Lagerspiel, Geräuschen oder Bauteilversagen. Wer Passungen lesen kann, prüft Zeichnungen kritischer und qualifiziert Lieferanten gezielter.

Passungen bauen direkt auf dem Toleranzsystem auf, das auch den Allgemeintoleranzen nach ISO 2768 zugrunde liegt. Beide regeln zulässige Maßabweichungen, nur auf unterschiedlichem Genauigkeitsniveau. Ergänzt werden Passungsangaben in der Praxis durch Form- und Lagetoleranzen nach ISO 1101, die geometrische Anforderungen wie Geradheit und Rechtwinkligkeit abdecken.

Zeichnungsprüfung mit Toleranz- und Passungsangaben

Das ISO-Passungssystem: Was bedeutet das „H" in H7?

Eine Toleranzangabe wie H7 oder g6 besteht aus zwei Teilen: einem Buchstaben für die Lage des Toleranzfeldes zur Nulllinie (dem Grundabmaß) und einer Zahl für die Größe des Toleranzfeldes (dem Grundtoleranzgrad IT). Großbuchstaben stehen immer für Bohrungen, Kleinbuchstaben für Wellen.

Das „H" hat dabei eine besondere Bedeutung: Es bezeichnet eine Bohrung, deren unteres Abmaß genau auf der Nulllinie liegt. Eine H-Bohrung wird also nie kleiner als das Nennmaß, nur größer. Genau deshalb bildet sie die Basis des Systems Einheitsbohrung: Die Bohrung bleibt konstant (immer H), und die gewünschte Passung wird allein über die Welle eingestellt. Das ist in der Praxis das dominierende System, weil Bohrungen aufwendiger zu fertigen und zu prüfen sind als Wellen. So bleibt das schwierigere Teil konstant.

Die Zahl hinter dem Buchstaben, die 7 in H7, ist der Grundtoleranzgrad. Je kleiner die Zahl, desto enger die Toleranz: IT5 ist feiner als IT7, IT11 deutlich gröber. H7 trifft den praktischen Mittelweg aus Genauigkeit und Wirtschaftlichkeit und ist damit die Standard-Bohrungstoleranz für Passungen im allgemeinen Maschinenbau.

Element

Beispiel

Bedeutung

Großbuchstabe

H, G, K, P

Lage des Bohrungs-Toleranzfeldes

Kleinbuchstabe

g, h, k, n, p, s

Lage des Wellen-Toleranzfeldes

Zahl

7, 6

Grundtoleranzgrad IT (Feldgröße)

Welche drei Passungsarten unterscheidet man, und woran erkennt man sie?

Aus der Lage der Toleranzfelder von Bohrung und Welle ergeben sich drei grundlegende Charaktere. Sie sind die wichtigste Unterscheidung, wenn es darum geht, eine Passung für eine Funktion auszuwählen.

  • Spielpassung: Das Toleranzfeld der Bohrung liegt vollständig über dem der Welle. Es entsteht immer ein Spiel, sodass sich die Teile frei oder gleitend fügen lassen. Typisch für drehende oder verschiebbare Verbindungen wie Gleitlager oder Führungen.

  • Übergangspassung: Die Toleranzfelder überlappen sich. Je nach Ist-Maß der gepaarten Teile kann ein kleines Spiel oder ein kleines Übermaß entstehen. Sie dient der genauen Zentrierung bei noch zerstörungsfrei lösbaren Verbindungen.

  • Presspassung (Übermaßpassung): Das Wellen-Toleranzfeld liegt über dem der Bohrung. Es entsteht immer ein Übermaß. Die Teile werden eingepresst, geschrumpft oder gedehnt gefügt und übertragen Kräfte reibschlüssig. Typisch für feste Sitze von Zahnrädern oder Lagerringen.

Die folgende Übersicht zeigt für gängige H7-Paarungen am Beispiel des Nennmaßes Ø50 mm, wie sich der Charakter vom Spiel ins Übermaß verschiebt:

Vom Spiel zum Übermaß: H7-Passungen bei Ø50 mm

H7-Passungstabelle: Welche Grenzabmaße hat die Bohrung je Nennmaßbereich?

Das Herzstück jeder Arbeit mit Passungen ist die ISO-Passungstabelle. Da H7 die Referenz-Bohrungstoleranz ist, lohnt sich der genaue Blick auf ihre Grenzabmaße. Das untere Abmaß liegt definitionsgemäß bei 0 (Nulllinie), das obere Abmaß entspricht dem Grundtoleranzgrad IT7 und wächst mit dem Nennmaß. Alle Werte in Mikrometern (µm); 1 µm = 0,001 mm.

Nennmaßbereich (mm)

unteres Abmaß

oberes Abmaß (H7)

über 1 bis 3

0

+ 10 µm

über 3 bis 6

0

+ 12 µm

über 6 bis 10

0

+ 15 µm

über 10 bis 18

0

+ 18 µm

über 18 bis 30

0

+ 21 µm

über 30 bis 50

0

+ 25 µm

über 50 bis 80

0

+ 30 µm

über 80 bis 120

0

+ 35 µm

über 120 bis 180

0

+ 40 µm

über 180 bis 250

0

+ 46 µm

Beispiel: Eine Bohrung Ø50 H7 darf zwischen 50,000 mm und 50,025 mm messen, niemals kleiner als das Nennmaß. Die Spanne von 25 µm ist der Grundtoleranzgrad IT7 in diesem Bereich.

Praxis-Hinweis: Ab Nennmaß über 120 mm steigt das obere Abmaß auf 40–46 µm. Ob ein Fertigungspartner diese Spanne zuverlässig nachweisen kann, hängt stark von seinen Prüfmitteln ab. Wer Bohrungen in diesem Größenbereich beschafft, sollte Messverfahren und Kalibrierungsstand schon in der Bestellspezifikation festlegen.

Welle dazu: gängige Paarungen bei Ø50 mm

Erst die Welle bestimmt, welche Passung entsteht. Die folgende Tabelle zeigt für das Nennmaß Ø50 mm, welcher Charakter sich aus der jeweiligen Wellentoleranz mit einer H7-Bohrung ergibt:

Paarung

Wellenabmaße (µm)

Resultat (µm)

Passungsart

H7/g6

− 9 / − 25

Spiel 9…50

Spielpassung (Gleitsitz)

H7/h6

0 / − 16

Spiel 0…41

Spielpassung (Schiebesitz)

H7/k6

+ 18 / + 2

− 18…+ 23

Übergangspassung

H7/n6

+ 33 / + 17

− 33…+ 8

Übergangspassung

H7/p6

+ 42 / + 26

Übermaß 1…42

Presspassung

H7/s6

+ 59 / + 43

Übermaß 18…59

Presspassung

Negative Resultatwerte bedeuten Übermaß, positive bedeuten Spiel. Die Werte gelten für den Nennmaßbereich über 30 bis 50 mm; in anderen Bereichen verschieben sich die Beträge, der Charakter der Paarung bleibt jedoch erhalten.

Welche Passung für welche Anwendung?

Die häufigste Frage in der Praxis lautet nicht „Was bedeutet H7?", sondern „Welche Passung brauche ich hier?". Die Antwort folgt der Funktion: Soll sich etwas drehen, soll es sich zentrieren oder soll es fest sitzen? Die folgende Übersicht fasst bewährte H7-Paarungen zusammen.

Anwendung

Übliche Paarung

Charakter

Gleitlager, Buchse, drehende Führung

H7/g6

Spiel

Riemenscheibe, lösbares Bauteil

H7/h6

Spiel (Schiebesitz)

Zentriersitz, Zylinderstift, genaue Lage

H7/k6 oder H7/m6

Übergang

Wälzlager-Innenring (Wellensitz)

Welle k6 / m6 / n6

Übergang / leichtes Übermaß

Wälzlager-Außenring (Gehäusebohrung)

H7

Spielpassung bis Übergang

Zahnrad, Kupplungsnabe fest auf Welle

H7/p6 oder H7/r6

Übermaß

Lagerbuchse dauerhaft fest gefügt

H7/s6

Übermaß

Ein wichtiger Hinweis zu Wälzlagern: Am Lager gibt es zwei separate Passungsstellen. Am Wellensitz des Innenrings trägt die Welle die Toleranz k6, m6 oder n6; die Gehäusebohrung für den Außenring erhält typischerweise H7. Beide Toleranzen wählt der Konstrukteur unabhängig voneinander. Die endgültige Empfehlung richtet sich nach Lagertyp, Last und Drehzahl; die SKF-Passungsempfehlungen oder der jeweilige Lagerkatalog liefern die konkreten Werte.

Bohrungsprüfung mit Lehrdorn im Wareneingang

Welche Risiken tragen Passungen in der internationalen Beschaffung?

Passungen sind dort am riskantesten, wo Konstruktion und Fertigung räumlich und sprachlich getrennt sind, also genau im internationalen Einkauf.

Aus unserer Erfahrung in der Beschaffung entstehen die meisten Passungsprobleme nicht durch mangelnde Fertigungsfähigkeit, sondern durch unklare Spezifikation und unterschiedliche Mess- und Prüfgewohnheiten. Besonders häufig sehen wir, dass Fertigungspartner nur das Toleranzkürzel auf der Zeichnung erhalten, ohne die konkreten Grenzabmaße in µm. Das Kürzel „H7/g6" ist international bekannt, aber die zugehörigen Mikrometer-Werte variieren je nach Nennmaßbereich und werden nicht von jedem Fertigungspartner selbstständig nachgeschlagen. Wer die Grenzabmaße aus der Passungstabelle direkt in die Bestellspezifikation aufnimmt, schließt diese Interpretationslücke.

Drei Punkte sind in der Praxis entscheidend. Erstens die eindeutige Spezifikation: Die Passungsangabe gehört unmissverständlich in die Zeichnung, idealerweise ergänzt um die konkreten Grenzabmaße in µm, nicht nur das Kürzel. Zweitens die Prüfmittelabstimmung: Ein Maß im µm-Bereich ist nur so verlässlich wie die Lehre oder das Messmittel, mit dem es geprüft wird. Hier lohnt sich die Abstimmung von Messverfahren und Kalibrierung vor dem Serienanlauf. Drittens die Erstmusterprüfung: Passmaße gehören zu den kritischen Merkmalen, die vor Serienfreigabe im Rahmen einer Bemusterung in der Beschaffung abzusichern sind.

Im laufenden Betrieb sichert eine gezielte Wareneingangsprüfung die Passmaße ab, denn ein Übermaß, das erst bei der Montage auffällt, ist die teuerste Form der Reklamation. Genau an dieser Schnittstelle zwischen technischer Anforderung und Lieferantenrealität setzt die Arbeit von Line Up an.

Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet H7 für eine Passung?

H7 bezeichnet eine Bohrungstoleranz: Der Großbuchstabe H legt das untere Abmaß auf die Nulllinie (0), die Zahl 7 steht für den Grundtoleranzgrad IT7. Eine H7-Bohrung wird also nie kleiner als das Nennmaß und ist um den IT7-Betrag größer zulässig, bei Ø50 mm zwischen 50,000 und 50,025 mm. Großbuchstaben kennzeichnen immer die Bohrung, Kleinbuchstaben (g, h, k, p …) die Welle. Weil H als feste Bezugsgröße auf der Nulllinie liegt, bildet es die Basis des Systems Einheitsbohrung, in dem die gewünschte Passung allein über die Welle eingestellt wird.

Was ist eine Passungstabelle und wie liest man sie?

Eine Passungstabelle listet die Grenzabmaße von Bohrungen und Wellen je Nennmaßbereich in Mikrometern (µm) auf. Man sucht zuerst den passenden Nennmaßbereich (zum Beispiel „über 30 bis 50 mm"), liest dann in der Spalte der jeweiligen Toleranz (etwa H7 oder g6) das obere und das untere Abmaß ab und kombiniert beide Werte zur fertigen Passung. Die H7-Passungstabelle weiter oben in diesem Beitrag zeigt die Bohrungswerte, die zugehörige Paarungstabelle die passende Gegenseite auf der Welle. Konkretes Lesebeispiel: Nennmaß Ø50 mm → Nennmaßbereich „über 30 bis 50 mm" → H7-Bohrung: EI = 0 µm, ES = +25 µm. Das Bauteil darf also zwischen 50,000 mm und 50,025 mm messen.

Was ist der Unterschied zwischen Spiel-, Übergangs- und Presspassung?

Eine Spielpassung erzeugt immer Spiel, die Teile lassen sich frei fügen (z. B. H7/g6). Eine Übergangspassung kann je nach Ist-Maß ein kleines Spiel oder Übermaß ergeben und dient der genauen Zentrierung (z. B. H7/k6). Eine Presspassung erzeugt immer Übermaß, die Teile werden eingepresst oder geschrumpft und übertragen Kräfte reibschlüssig (z. B. H7/p6).

Welche Passung wählt man für ein Wälzlager?

Am Wälzlager gibt es zwei separate Passungsstellen. Am Wellensitz des Innenrings trägt die Welle die Toleranz k6, m6 oder n6, sodass der Innenring unter Last nicht auf der Welle wandert. Die Gehäusebohrung für den Außenring erhält typischerweise H7, das ist die H7-Passung im Sinne des Systems Einheitsbohrung. Die genaue Empfehlung für beide Stellen richtet sich nach Lagertyp, Last und Drehzahl und steht in der Zeichnung oder im Lagerkatalog. Für Gleitlager ist am Wellensitz eine Spielpassung wie H7/g6 üblich.

Wo sind Passungen genormt?

Die Grenzabmaße und das Toleranzsystem für Passungen sind international in ISO 286 festgelegt: ISO 286-1 regelt das System aus Grundtoleranzgraden und Abmaßen, ISO 286-2 enthält die Tabellenwerte für Bohrungen und Wellen. In Deutschland wird die Norm als DIN EN ISO 286 geführt. Für nicht einzeln tolerierte Maße gelten ergänzend die Allgemeintoleranzen nach ISO 2768.

Fazit: Passungswissen schützt vor kostspieligen Reklamationen

Eine Passung ist nur so gut wie ihre Umsetzung im gefertigten Teil. Die H7-Passungstabelle und das System Einheitsbohrung geben den Rahmen vor, doch über Funktion und Reklamationsrisiko entscheidet, ob die Toleranz entlang der gesamten Lieferkette verstanden, sauber gefertigt und zuverlässig geprüft wird. Gerade in der internationalen Beschaffung liegt genau hier der Hebel.

Line Up begleitet die Beschaffung mechanischer Komponenten als Prozess-Spezialist: von der Zeichnungs- und Spezifikationsprüfung über die Lieferantenqualifizierung bis zur Erstmuster- und Wareneingangskontrolle. Mit eigener Niederlassung in China und über 30 Jahren Erfahrung in der internationalen Beschaffung sorgen wir dafür, dass Passmaße bereits beim Hersteller geprüft werden, bevor Frachtkosten entstehen.

👉 Lassen Sie sich unverbindlich beraten, wie wir Ihre Passungen vom Datenblatt bis ins fertige Bauteil absichern.

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