Beschaffung·7 min Lesezeit

Stahlsorten und Legierungselemente: Beschaffungsgrundlagen

Max Silanoglu
Max Silanoglu7/13/2026
Qualitätsprüfer misst ein Stahl-Rundmaterial mit einer Schieblehre in der Fertigung

Wer Bauteile aus Stahl beschaffen möchte, bekommt vom Lieferanten fast immer dieselbe Rückfrage: Welche Stahlsorte genau? Welche Werkstoffnummer, welche Norm? Ohne eine präzise Spezifikation besteht das Risiko, ein Material zu erhalten, das zwar "Stahl" ist, aber nicht die geforderte Festigkeit, Härte oder Korrosionsbeständigkeit mitbringt.

Kurz & knapp: Stahl ist im Grundsatz eine Eisen-Kohlenstoff-Legierung mit einem Kohlenstoffanteil von meist unter 2 Prozent. Gezielt zulegierte Elemente wie Chrom, Mangan, Nickel oder Molybdän erzeugen unterschiedliche Stahlsorten mit eigenen Werkstoffnummern, etwa 1.0038 für S235JR. Sie unterscheiden sich in Festigkeit, Härte und Korrosionsbeständigkeit. Die Bezeichnung erfolgt nach dem europäischen System DIN EN 10027.

Woraus besteht Stahl?

Stahl besteht im Grundsatz aus Eisen und Kohlenstoff, wobei der Kohlenstoffanteil bei den meisten gängigen Sorten unter 2 Prozent liegt und damit deutlich niedriger ist als bei Gusseisen. Man unterscheidet dabei grundsätzlich zwischen unlegiertem und legiertem Stahl: Unlegierter Stahl enthält neben Eisen und Kohlenstoff nur geringe Mengen an Begleitelementen aus dem Herstellungsprozess, während legierter Stahl gezielt mit weiteren Elementen versetzt wird, um bestimmte Eigenschaften zu erreichen.

Mit steigendem Kohlenstoffanteil nimmt die Härte zu, gleichzeitig sinkt jedoch die Schweißbarkeit und Zähigkeit. Diese Beziehung ist einer der Gründe, warum es für nahezu jede Anwendung eine eigene, optimierte Zusammensetzung gibt, von weichem Tiefziehblech bis zu hochfestem Werkzeugstahl.

In unseren Beschaffungsprojekten erleben wir häufig, dass Kunden zunächst nur "Stahl" oder "hochwertigen Stahl" bestellen möchten, ohne eine konkrete Sorte zu benennen. Ohne Werkstoffnummer im Lastenheft bleibt für den Lieferanten viel Spielraum, was am Ende zu einem Bauteil führen kann, das die mechanischen Anforderungen nicht erfüllt.

Qualitätsprüfer vergleicht ein Stahl-Werkstück mit einem Prüfprotokoll

Welche Legierungselemente hat Stahl und was bewirken sie?

Die wichtigsten Legierungselemente in Stahl sind Chrom, Mangan, Nickel, Molybdän, Silizium und Vanadium, wobei jedes Element gezielt eine bestimmte Eigenschaft verbessert. Chrom erhöht beispielsweise die Korrosionsbeständigkeit und Härte und ist ab einem Anteil von etwa 10,5 Prozent namensgebend für Edelstahl, wie wir ausführlicher im Beitrag was Edelstahl von anderen Stahlsorten unterscheidet beschreiben.

Mangan verbessert die Festigkeit und Härtbarkeit, Nickel steigert die Zähigkeit und Korrosionsbeständigkeit, Molybdän erhöht die Warmfestigkeit und Verschleißfestigkeit, und Silizium wirkt sich positiv auf Festigkeit und Elastizität aus. Vanadium sorgt für ein feinkörniges Gefüge und verbessert damit Verschleißfestigkeit und Zähigkeit gleichermaßen.

Element

Wirkung

Chrom (Cr)

Korrosionsbeständigkeit, Härte

Mangan (Mn)

Festigkeit, Härtbarkeit

Nickel (Ni)

Zähigkeit, Korrosionsbeständigkeit

Molybdän (Mo)

Warmfestigkeit, Verschleißfestigkeit

Silizium (Si)

Festigkeit, Elastizität

Vanadium (V)

Feinkörnigkeit, Verschleißfestigkeit

Für die Beschaffung ist relevant, dass die Legierungsanteile nicht nur auf dem Papier stehen, sondern im Prüfzeugnis mit der tatsächlichen Schmelzanalyse belegt werden sollten. Bei sicherheitsrelevanten Bauteilen lohnt sich zusätzlich eine unabhängige Stichprobenanalyse per Funkenspektrometer, da geringe Abweichungen bei Chrom oder Molybdän bereits spürbare Auswirkungen auf Korrosionsbeständigkeit und Festigkeit haben können.

Welche Stahlsorten gibt es?

Für die Praxis lassen sich Stahlsorten grob in vier Gruppen einteilen: Baustahl, Vergütungsstahl, Werkzeugstahl und Edelstahl. Jede Gruppe wurde für ein anderes Anforderungsprofil entwickelt. Nach Angaben des Material-Archivs ist unlegierter Baustahl wie S235JR nur schwach legiert und gut schweißbar. Er kommt typischerweise im Stahl- und Maschinenbau für tragende Konstruktionen zum Einsatz.

Vergütungsstahl wird gezielt gehärtet und angelassen. So erreicht er eine hohe Festigkeit bei ausreichender Zähigkeit, etwa für Wellen und Achsen. Werkzeugstahl ist auf Verschleißfestigkeit und Härte optimiert und kommt in Schneid- und Umformwerkzeugen zum Einsatz. Edelstahl zeichnet sich durch einen hohen Chromanteil und entsprechende Korrosionsbeständigkeit aus.

Innerhalb der Edelstahl-Sorten lohnt sich für die Beschaffung eine weitere Unterscheidung. Austenitische Sorten wie 1.4301 (V2A) sind nicht magnetisierbar und gut umformbar. Sie decken den Großteil der Anwendungen in Lebensmitteltechnik und Chemieanlagenbau ab. Ferritische Sorten sind dagegen magnetisierbar und kostengünstiger; sie eignen sich für weniger korrosionskritische Bauteile. Martensitische Sorten lassen sich härten und kommen dort zum Einsatz, wo neben Korrosionsbeständigkeit auch hohe Verschleißfestigkeit gefragt ist, etwa bei Messern oder Wellen.

Gruppe

Merkmal

Typischer Einsatz

Baustahl

unlegiert bis niedriglegiert, gut schweißbar

Stahlbau, Maschinenbau

Vergütungsstahl

gehärtet und angelassen

Wellen, Achsen, Getriebeteile

Werkzeugstahl

hohe Härte, verschleißfest

Schneid- und Umformwerkzeuge

Edelstahl

hoher Chromanteil, korrosionsbeständig

Lebensmitteltechnik, Medizintechnik

Da Baustahl, Vergütungsstahl und Werkzeugstahl nicht über den hohen Chromanteil von Edelstahl verfügen, benötigen sie in feuchten oder korrosiven Umgebungen meist einen zusätzlichen Oberflächenschutz. In der Praxis kommt dafür überwiegend die Verzinkung zum Einsatz, wobei sich galvanische und Feuerverzinkung deutlich in Schichtdicke und Beständigkeit unterscheiden. Welches Verfahren für welchen Einsatzzweck sinnvoll ist, erläutern wir im Beitrag zu galvanischer Verzinkung und Feuerverzinkung.

Wie werden Stahlsorten und Werkstoffnummern bezeichnet?

Für die Beschaffung ist die exakte Werkstoffnummer entscheidend, da sie Zusammensetzung und Eigenschaften eindeutig festlegt. Nach dem europäischen Bezeichnungssystem DIN EN 10027 erhält jede Stahlsorte sowohl einen Kurznamen als auch eine Werkstoffnummer im Format 1.xxxx: Der weit verbreitete Baustahl S235JR trägt beispielsweise die Werkstoffnummer 1.0038, während der Vergütungsstahl C45 unter der Nummer 1.0503 geführt wird.

Nach unserer Erfahrung lohnt es sich, im Lastenheft nicht nur den Kurznamen, sondern immer auch die Werkstoffnummer und die zugehörige Norm (etwa EN 10025-2 für Baustahl) anzugeben. So lässt sich die gelieferte Charge eindeutig gegen die Bestellung prüfen, gerade bei neuen Lieferanten in unbekannten Beschaffungsmärkten.

Kurzname

Werkstoffnummer

Norm

Typischer Einsatz

S235JR

1.0038

EN 10025-2

Baustahl, Stahlbau

C45

1.0503

EN 10083-2

Vergütungsstahl, Wellen

Quelle: Werkstoffbezeichnung nach DIN EN 10027 (DIN Media).

Neben der Werkstoffnummer lohnt bei Vergütungsstahl auch ein Blick auf den angegebenen Wärmebehandlungszustand, da dieser die tatsächliche Festigkeit maßgeblich mitbestimmt. Gängige Angaben sind "weichgeglüht" für eine gut bearbeitbare Ausgangsform, "vergütet" für gehärtetes und angelassenes Material sowie "normalisiert" für ein gleichmäßiges, spannungsarmes Gefüge. Ohne diese Angabe im Lastenheft kann derselbe Werkstoff mit sehr unterschiedlicher Festigkeit geliefert werden.

Worauf sollten Einkäufer bei der Beschaffung achten?

Wer Stahlteile international beschafft, sollte mehr als nur die Werkstoffnummer festlegen. Vertraglich gehören auch ein Materialzeugnis nach EN 10204, die geforderte Wärmebehandlung und die Oberflächenbehandlung dazu. Dabei lohnt sich ein Blick auf die genaue Zeugnisart: Ein einfaches Werkszeugnis 2.1 bestätigt lediglich die Konformität mit der Bestellung, ohne Prüfergebnisse. Ein Abnahmeprüfzeugnis 3.1 enthält dagegen konkrete Prüfergebnisse der gelieferten Charge und wird von einer unabhängigen Stelle im Werk freigegeben. Bei sicherheitsrelevanten Bauteilen ist zudem zu klären, ob eine Chargenrückverfolgbarkeit verlangt wird.

Eine Wareneingangsprüfung mit Materialabgleich schützt davor, dass eine falsche oder minderwertige Stahlsorte unbemerkt in die Produktion gelangt. Bei eng tolerierten Drehteilen aus Stahl lohnt sich zudem ein Blick auf die zulässigen Allgemeintoleranzen nach ISO 2768. So lassen sich Maßabweichungen von vornherein realistisch einplanen.

Gerade bei der Beschaffung aus Fernost lohnt sich zudem ein früher Blick auf Verfügbarkeit und Lieferzeit der gewünschten Stahlsorte. Gängige Baustahlsorten wie S235JR sind meist kurzfristig ab Lager verfügbar. Spezialsorten mit engen Legierungstoleranzen oder seltenen Abmessungen müssen dagegen häufig erst produziert werden und bringen entsprechend längere Vorlaufzeiten mit sich. Wer diese Vorlaufzeiten frühzeitig mit dem Lieferanten abstimmt, vermeidet Verzögerungen im Projektplan.

Häufig gestellte Fragen zu Stahlsorten

Ist Stahl und Edelstahl das Gleiche?

Nein, Edelstahl ist eine besondere Gruppe innerhalb der Stahlsorten mit einem Chromanteil von mindestens etwa 10,5 Prozent, der für die charakteristische Korrosionsbeständigkeit sorgt. Herkömmlicher Baustahl enthält diesen hohen Chromanteil nicht und rostet daher leichter.

Wie wird aus Eisen Stahl?

Eisen wird zu Stahl, indem der Kohlenstoffanteil im Hochofenprozess gezielt auf unter etwa 2 Prozent reduziert und je nach gewünschter Sorte mit weiteren Legierungselementen versetzt wird. Rohstahl wird anschließend meist noch gewalzt oder geschmiedet, um die endgültige Form und Festigkeit zu erhalten.

Was bedeutet die Werkstoffnummer bei Stahl?

Die Werkstoffnummer ist eine eindeutige, europaweit genormte Kennzeichnung nach DIN EN 10027 im Format 1.xxxx, die eine Stahlsorte unabhängig von Handelsnamen oder Kurzbezeichnungen identifiziert. Sie ist die verlässlichste Angabe für die Materialbestellung.

Fazit: Die richtige Stahlsorte sichert Qualität und Sicherheit in der Beschaffung

Stahl ist eine vielseitige Werkstoffgruppe, deren Eigenschaften stark von der genauen Zusammensetzung aus Eisen, Kohlenstoff und weiteren Legierungselementen abhängen. Wer bei der Beschaffung nicht nur "Stahl", sondern die exakte Werkstoffnummer, Norm und gegebenenfalls ein Materialzeugnis angibt, vermeidet Missverständnisse mit dem Lieferanten und stellt sicher, dass die gelieferten Teile den Anforderungen entsprechen.

Als Prozess-Spezialisten begleiten wir bei Line Up unsere Kunden bereits bei der Materialauswahl und stimmen Stahlsorte, Wärmebehandlung und Prüfanforderungen auf das jeweilige Bauteil ab. 👉 Vereinbaren Sie einen unverbindlichen Beratungstermin und wir prüfen gemeinsam, welche Stahlsorte für Ihr nächstes Projekt die richtige Wahl ist.

Quellen:

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