Ein Prüfzeugnis für eine geschweißte Baugruppe weist Poren und einen leichten Kantenversatz aus, die Zeichnung nennt aber keine zulässige Grenze dafür. Ob die Naht damit in Ordnung ist oder nicht, lässt sich ohne eine festgelegte Bewertungsgruppe nach DIN EN ISO 5817 nicht objektiv beurteilen.
Kurz & knapp: DIN EN ISO 5817 legt für Schmelzschweißverbindungen an Stahl, Nickel, Titan und deren Legierungen drei Bewertungsgruppen fest: B (streng), C (mittel) und D (moderat). Jede Gruppe definiert, welche Unregelmäßigkeiten wie Poren, Bindefehler oder Kantenversatz in welchem Ausmaß noch zulässig sind. Ohne eine im Lastenheft oder auf der Zeichnung festgelegte Gruppe fehlt die Grundlage, um eine Schweißnaht bei der Abnahme objektiv zu bewerten.
DIN EN ISO 5817 legt Bewertungsgruppen für Unregelmäßigkeiten in Schmelzschweißverbindungen an Stahl, Nickel, Titan und deren Legierungen fest, sowohl für durchgeschweißte Stumpfnähte als auch für Kehlnähte. Die Norm gilt für verschiedene Schweißprozesse einschließlich manueller und automatisierter Verfahren, mit Ausnahme des Strahlschweißens.
Erfasst werden Unregelmäßigkeiten wie Poren, Bindefehler, Einbrandkerben, Kantenversatz und Nahtüberhöhung. Für jede dieser Fehlerarten legt die Norm je Bewertungsgruppe zulässige Höchstwerte fest, etwa die maximale Porengröße oder den maximal zulässigen Kantenversatz in Abhängigkeit von der Blechdicke. Die aktuelle Fassung DIN EN ISO 5817:2023-07 löste dabei eine ältere Ausgabe aus dem Jahr 2014 ab, ohne die grundsätzliche Systematik der drei Bewertungsgruppen zu verändern.
Die Norm unterscheidet drei Bewertungsgruppen: B, C und D. Gruppe B stellt die strengsten Anforderungen, Gruppe D die moderatesten. Zwischen beiden liegt Gruppe C als mittlere, in der Praxis am häufigsten geforderte Stufe. Konkrete Empfehlungen, welche Gruppe zu welchem Anwendungsfall passt, hat der DVS in einem eigenen Merkblatt zusammengestellt.
Bewertungsgruppe | Anforderungsniveau | Typischer Einsatzbereich |
|---|---|---|
B | Streng | Hoch belastete, sicherheitsrelevante oder ermüdungsbeanspruchte Bauteile |
C | Mittel | Allgemeiner Stahlbau, die in der Praxis am häufigsten geforderte Stufe |
D | Moderat | Gering belastete Konstruktionen ohne besondere Anforderungen |
In unseren Qualitätsprüfungen bei Fernost-Lieferanten sehen wir regelmäßig, dass ohne eine im Lastenheft festgelegte Bewertungsgruppe der Hersteller nach eigenem Ermessen schweißt, meist auf dem für ihn bequemsten Niveau. Erst eine verbindlich vereinbarte Gruppe schafft eine Grundlage, die sich am fertigen Bauteil auch tatsächlich nachprüfen lässt.
Zu den am häufigsten geprüften Unregelmäßigkeiten zählen Poren, Bindefehler, Einbrandkerben an der Nahtflanke, Kantenversatz zwischen den gefügten Blechen und eine zu starke Nahtüberhöhung. Für jede Fehlerart legt die Norm je Bewertungsgruppe konkrete Grenzwerte fest, häufig gestaffelt nach Werkstückdicke.
Eine einzelne Pore an sich macht eine Naht noch nicht automatisch fehlerhaft. Erst wenn Größe, Häufung oder Lage der Unregelmäßigkeit den für die jeweilige Bewertungsgruppe zulässigen Grenzwert überschreitet, gilt die Naht als nicht normgerecht. Bindefehler etwa, bei denen zwei Schweißlagen nicht vollständig miteinander verschmelzen, werden dabei deutlich strenger bewertet als vereinzelte kleine Poren, da sie die tragende Querschnittsfläche der Naht unmittelbar schwächen.
Welche Prüfmethode eine Unregelmäßigkeit überhaupt zuverlässig aufdeckt, unterscheidet sich je nach Fehlerart:
Unregelmäßigkeit | Typische Nachweismethode |
|---|---|
Poren (oberflächennah) | Sichtprüfung |
Poren (innenliegend) | Durchstrahlungs- oder Ultraschallprüfung |
Bindefehler | Durchstrahlungs- oder Ultraschallprüfung |
Einbrandkerbe | Sichtprüfung |
Kantenversatz, Nahtüberhöhung | Sichtprüfung, Messschieber |
Die passende Bewertungsgruppe richtet sich nach Belastung, Sicherheitsrelevanz und dem regulatorischen Kontext des Bauteils, nicht nach einer pauschalen Vorgabe. Sicherheitsrelevante oder ermüdungsbeanspruchte Strukturen erfordern in der Regel Gruppe B, allgemeiner Stahlbau meist Gruppe C.
Für Stahlbauteile, die unter die CE-Kennzeichnung nach der europäischen Bauprodukteverordnung fallen, gibt zusätzlich die Ausführungsnorm EN 1090 vor, welche Bewertungsgruppe je Ausführungsklasse mindestens erreicht werden muss. Diese Vorgabe entscheidet dann über die im Lastenheft festzulegende Bewertungsgruppe, nicht eine freie Wahl des Einkäufers. Wird ein Bauteil ohne diesen Bezug zur Ausführungsklasse beschafft, bleibt die Wahl der Bewertungsgruppe dagegen tatsächlich Verhandlungssache zwischen Einkäufer und Hersteller und sollte entsprechend bewusst getroffen werden, statt sie offen zu lassen.
In der Praxis hat sich dafür eine feste Reihenfolge bewährt:
Belastung, Ermüdungsbeanspruchung und Sicherheitsrelevanz des Bauteils klären
Prüfen, ob eine CE-Kennzeichnung nach EN 1090 eine Mindestgruppe vorschreibt
Bewertungsgruppe B, C oder D verbindlich im Lastenheft oder auf der Zeichnung festlegen
Prüfmethode und Prüfumfang für den Nachweis vereinbaren
Nachweis der erreichten Gruppe im Abnahmeprüfzeugnis verlangen
Die Prüfung erfolgt meist über eine Sichtprüfung der zugänglichen Nahtoberfläche, ergänzt durch zerstörungsfreie Verfahren wie Durchstrahlungs- oder Ultraschallprüfung bei innenliegenden Fehlern. Welche Prüfmethode in welchem Umfang zum Einsatz kommt, sollte ebenfalls im Lastenheft festgelegt werden, nicht erst nach der Fertigung. Praxisorientierte Zuordnungshilfen, welche Bewertungsgruppe zu welchem Anwendungsfall passt, veröffentlicht auch der Deutsche Verband für Schweißen in seinem Regelwerk zur Qualitätssicherung von Schweißarbeiten. Die Norm selbst ist neben DIN auch international über nationale Normungsinstitute wie Austrian Standards erhältlich, was ihre breite Anwendung im gesamten deutschsprachigen Raum unterstreicht.
In einem unserer Sourcing-Projekte hatte ein Hersteller Bauteile nach eigener Einschätzung als "einwandfrei" verzollt, ohne dass eine Bewertungsgruppe vertraglich vereinbart war. Erst eine nachträgliche Sichtprüfung bei der Wareneingangsprüfung deckte Kantenversatz auf, der die Grenzwerte von Gruppe C deutlich überschritt. Ohne vorher festgelegte Bewertungsgruppe ließ sich der Mangel gegenüber dem Hersteller nur mühsam begründen.
Bei einem vollständigen Abnahmeprüfzeugnis 3.1 gehört die Angabe der erreichten Bewertungsgruppe deshalb zum Mindestumfang, den Sie vor der Freigabe abgleichen sollten. Fehlt diese Angabe im Prüfzeugnis komplett, ist das selbst schon ein Hinweis darauf, dass keine verbindliche Bewertungsgruppe vereinbart oder geprüft wurde, und sollte vor der Zahlungsfreigabe geklärt werden.
Fehlt eine Angabe auf der Zeichnung, gibt es keine automatisch geltende Standardgruppe nach DIN EN ISO 5817, anders als etwa bei den Allgemeintoleranzen nach ISO 2768, die ohne Sonderangabe greifen. Die Bewertungsgruppe muss aktiv vereinbart werden, sonst bleibt offen, nach welchem Maßstab eine Abweichung überhaupt zu beurteilen ist. In der Praxis wählt der Hersteller in diesem Fall meist die für ihn unkritischste Auslegung, was im Streitfall bei der Abnahme selten im Sinne des Einkäufers ist. Das gilt umso mehr bei mehrstufigen Lieferketten, in denen ein Zwischenhändler die Schweißarbeiten an einen Subunternehmer weitergibt: Ohne schriftlich festgelegte Bewertungsgruppe verliert sich die Anforderung auf dem Weg dorthin fast immer, und am Ende lässt sich kaum noch nachvollziehen, wer welchen Maßstab angesetzt hat.
DIN EN ISO 5817 ist die Norm, die Bewertungsgruppen für Unregelmäßigkeiten in Schmelzschweißverbindungen an Stahl, Nickel, Titan und deren Legierungen festlegt. Sie unterscheidet die Gruppen B, C und D und liefert damit den Maßstab, an dem sich eine Schweißnaht bei der Abnahme überhaupt erst objektiv bewerten lässt.
Das richtet sich nach Belastung und Sicherheitsrelevanz: sicherheitsrelevante oder ermüdungsbeanspruchte Bauteile brauchen meist Gruppe B, allgemeiner Stahlbau meist Gruppe C, gering belastete Konstruktionen oft Gruppe D. Fällt das Bauteil unter CE-Kennzeichnung nach EN 1090, gibt die Ausführungsklasse die Mindestgruppe verbindlich vor.
Immer dann, wenn eine Bewertungsgruppe vertraglich vereinbart wurde und die Einhaltung nachgewiesen werden soll, üblicherweise bei der Abnahme oder im Rahmen der Wareneingangsprüfung. Bei CE-gekennzeichneten Bauteilen nach EN 1090 ist die Prüfung sogar verbindlich vorgeschrieben, unabhängig von einer separaten vertraglichen Vereinbarung.
Das hängt von der vereinbarten Bewertungsgruppe und der Werkstückdicke ab. DIN EN ISO 5817 legt dafür gestaffelte Grenzwerte fest, die für Gruppe B deutlich enger ausfallen als für Gruppe D. Ohne beide Angaben lässt sich ein im Prüfzeugnis dokumentierter Porendurchmesser gar nicht erst bewerten.
DIN EN ISO 5817 liefert erst dann einen verlässlichen Maßstab, wenn die passende Bewertungsgruppe B, C oder D bereits im Lastenheft festgelegt ist, nicht erst bei der Abnahme diskutiert wird. Wer das vorab klärt, vermeidet Streit über Nacharbeit oder Rückweisung, wenn das fertige Bauteil eintrifft. Das gilt für einen einzelnen Schweißauftrag ebenso wie für ganze Baugruppen, bei denen mehrere Nahttypen unterschiedlich beansprucht werden und deshalb durchaus verschiedene Bewertungsgruppen innerhalb desselben Bauteils rechtfertigen können.
Line Up unterstützt Sie bei der Festlegung der passenden Bewertungsgruppe im Lastenheft und der Qualitätsprüfung geschweißter Baugruppen aus Fernost-Fertigung, von der ersten Spezifikation bis zur Bewertung des Prüfzeugnisses. 👉 Vereinbaren Sie ein unverbindliches Beratungsgespräch.
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