Beschaffung·6 min Lesezeit

ODM vs. OEM: Das passende Fertigungsmodell wählen

Max Silanoglu
Max Silanoglu11/6/2026
Sourcing-Meeting: Zwei Gehäusemuster und eine technische Zeichnung werden im Vergleich geprüft

Ein Unternehmen will ein neues Produkt auf den Markt bringen, hat aber weder eine fertige Konstruktion noch die Kapazität für eine eigene Entwicklungsabteilung. Ein anderes Unternehmen hat das Produkt bereits vollständig entwickelt und sucht nur noch einen Fertigungspartner, der exakt nach dieser Zeichnung baut. Beide Fälle führen zu einem externen Fertigungspartner, aber zu einem grundlegend anderen Fertigungsmodell.

Kurz & knapp: Bei OEM (Original Equipment Manufacturer) fertigt der Hersteller nach der Konstruktion des Auftraggebers, das Design bleibt vollständig in dessen Eigentum. Bei ODM (Original Design Manufacturer) entwickelt der Hersteller ein bestehendes eigenes Design, das der Auftraggeber unter eigener Marke anpasst und vertreibt. Die Wahl entscheidet über Werkzeugkosten, Time-to-Market und den Schutz des geistigen Eigentums.

Was unterscheidet ODM und OEM grundsätzlich?

Der zentrale Unterschied zwischen beiden Modellen liegt in der Frage, wer das Produktdesign entwickelt und besitzt. Beim OEM-Modell liefert der Auftraggeber die vollständige Konstruktion, der Hersteller setzt sie lediglich fertigungstechnisch um. Beim ODM-Modell existiert das Grunddesign bereits beim Hersteller, der Auftraggeber passt Details wie Branding, Farbgebung oder kleinere funktionale Merkmale an.

Eine ausführliche Erklärung des OEM-Modells selbst, einschließlich Vor- und Nachteilen für Auftraggeber, finden Sie in unserem Artikel Was sind OEM-Produkte?. Dieser Beitrag konzentriert sich stattdessen auf die Entscheidung zwischen beiden Modellen.

Nahaufnahme: Zwei technische Zeichnungen und ein Produktmuster zum Vergleich

Wie funktioniert das OEM-Modell?

Beim OEM-Modell trägt der Auftraggeber die vollständige Entwicklungsverantwortung. Er liefert Konstruktionszeichnungen, Spezifikationen und häufig auch die Werkzeugauslegung, der Hersteller produziert exakt nach diesen Vorgaben. Diese Aufgabenteilung setzt eine eigene, ausreichend ausgestattete Entwicklungsabteilung beim Auftraggeber voraus. Ein Hersteller von Haushaltsgeräten, der einen neuen Wasserkocher selbst konstruiert und diese Konstruktion an einen Fernost-Partner zur Fertigung übergibt, bleibt in diesem Modell alleiniger Eigentümer des Designs, auch gegenüber anderen Kunden desselben Herstellers.

Wie funktioniert das ODM-Modell?

Beim ODM-Modell übernimmt der Hersteller die Produktentwicklung ganz oder in wesentlichen Teilen. In der Praxis sehen wir dabei zwei Varianten: Entweder passt der Auftraggeber ein bereits fertig entwickeltes Produkt des Herstellers lediglich äußerlich an, oder der Hersteller entwickelt ausgehend von einem Lastenheft ein neues Design, das anschließend dem Auftraggeber gehört oder mit ihm geteilt wird. Welche Variante vorliegt, muss vertraglich eindeutig geregelt sein, da sich daraus unterschiedliche Rechte am fertigen Design ergeben.

In der Unterhaltungselektronik ist die erste Variante weit verbreitet: Ein Hersteller bietet beispielsweise ein bereits entwickeltes Ladegerät oder einen Kopfhörer an, den mehrere Marken lediglich in Gehäusefarbe, Logo und Verpackung anpassen und anschließend unter eigenem Namen vertreiben.

Welche Vor- und Nachteile hat ODM gegenüber OEM?

Kriterium

OEM

ODM

Designeigentum

Vollständig beim Auftraggeber

Meist beim Hersteller, verhandelbar

Erforderliche eigene Entwicklungskapazität

Hoch

Gering bis keine

Werkzeugkosten

Vollständig zu tragen

Oft geteilt oder im Herstellerangebot enthalten

Time-to-Market

Länger, eigene Entwicklung nötig

Kürzer, auf Bestehendem aufbauend

Differenzierung gegenüber Wettbewerbern

Hoch, eigenes Design

Eingeschränkt, ähnliches Grunddesign möglich bei mehreren Kunden

Was bedeutet die Wahl des Modells für den Schutz Ihres geistigen Eigentums?

Beim OEM-Modell bleibt das geistige Eigentum am Design vollständig beim Auftraggeber, da die Konstruktion von ihm stammt. Der Schutzbedarf verschiebt sich hier auf die Vertraulichkeit der übergebenen Zeichnungen und Spezifikationen gegenüber dem Hersteller.

Beim ODM-Modell liegt der Fall komplizierter, da das Grunddesign ursprünglich dem Hersteller gehört. Ohne klare vertragliche Regelung kann derselbe Hersteller ein sehr ähnliches Design an mehrere Auftraggeber gleichzeitig anbieten. Wer über ODM ein differenziertes Produkt aufbauen will, sollte deshalb vertraglich absichern, welche Designelemente exklusiv bleiben und welche der Hersteller weiterhin an andere Kunden vertreiben darf.

Wie wirkt sich ODM vs. OEM auf Werkzeugkosten und Time-to-Market aus?

In unseren Beschaffungsprojekten sehen wir regelmäßig, dass ODM vor allem für Unternehmen ohne eigene Konstruktionsabteilung oder mit begrenztem Entwicklungsbudget den entscheidenden Vorteil bietet: Die Werkzeugkosten sind bereits im bestehenden Design amortisiert oder werden zumindest anteilig geteilt, wodurch sich die Markteinführung oft um mehrere Monate verkürzt. OEM lohnt sich dagegen, sobald das Produktdesign selbst der zentrale Wettbewerbsvorteil ist und keine Kompromisse an bestehende Herstellerkonstruktionen akzeptabel sind.

Welches Modell passt zu welchem Produkt und welcher Unternehmensgröße?

Ausgangslage

Empfohlenes Modell

Eigene Entwicklungsabteilung und eigenes, differenziertes Design vorhanden

OEM

Kein eigenes Entwicklungsteam, schneller Markteintritt gewünscht

ODM

Produktdesign ist der zentrale Wettbewerbsvorteil

OEM

Fokus liegt auf Marke und Vertrieb, nicht auf technischer Differenzierung

ODM

Begrenztes Werkzeug- und Entwicklungsbudget

ODM

Worauf sollten Sie bei der Herstellersuche je nach Modell besonders achten?

Beim OEM-Modell konzentriert sich die Prüfung des Herstellers vor allem auf dessen Fertigungskompetenz: Verfügt er über die passenden Maschinen, ein belastbares Qualitätsmanagementsystem und ausreichende Kapazitäten, um exakt nach der übergebenen Konstruktion zu produzieren? Ein strukturiertes Lieferantenaudit prüft genau diese Punkte vor Ort.

Beim ODM-Modell reicht die reine Fertigungskompetenz nicht aus. Zusätzlich sollten Sie prüfen, ob der Hersteller über eine eigene, tragfähige Entwicklungsabteilung verfügt und wie er mit vertraulichen Anpassungswünschen sowie dem geistigen Eigentum anderer Kunden umgeht. Eine Lieferantenbewertung nach klaren Kriterien sollte bei ODM-Projekten deshalb auch die Entwicklungskompetenz und den Umgang mit exklusiven Designelementen einbeziehen. Bei beiden Modellen gehört zudem eine sorgfältige Bemusterung vor Freigabe der Serienfertigung zum Standardvorgehen, bei ODM-Projekten insbesondere zur Kontrolle der individuellen Anpassungen am bestehenden Grunddesign.

Eine kompakte Einordnung beider Begriffe liefert der Übersichtsartikel zum Original Design Manufacturer. Der Begriff „Original Equipment Manufacturer“ wird im deutschsprachigen Raum historisch auch für Zulieferer und Markenhersteller in der Automobil- und Elektronikbranche verwendet und deckt sich dort nicht immer mit der im internationalen Sourcing gebräuchlichen Abgrenzung. Die hier beschriebene Abgrenzung, der Auftraggeber liefert die Konstruktion und behält das geistige Eigentum, ist am Beispiel von Auftragsfertigern wie Foxconn im englischsprachigen Original-Equipment-Manufacturer-Artikel nachvollziehbar dokumentiert.

Für die vertragliche Absicherung des geistigen Eigentums bietet die Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) eine erste Orientierung dazu, wie Eigentumsrechte an Design und Entwicklungsleistung vertraglich zugewiesen werden.

Bevor Sie sich für ein Modell entscheiden, hilft eine kurze Reihenfolge bei der Einordnung:

  • Klären Sie, ob ein eigenes, differenziertes Design überhaupt vorliegt oder erst entstehen soll.

  • Prüfen Sie, ob die eigene Entwicklungskapazität und das Budget für OEM ausreichen.

  • Entscheiden Sie anhand von Time-to-Market und Differenzierungsanspruch, welches Modell überwiegt.

Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen ODM und OEM?

Bei OEM liefert der Auftraggeber die Konstruktion, der Hersteller fertigt nur. Bei ODM entwickelt der Hersteller das Grunddesign, der Auftraggeber passt es an und vertreibt es unter eigener Marke.

Wem gehört das Design bei einem ODM-Produkt?

Das Grunddesign gehört zunächst dem Hersteller. Ob und in welchem Umfang der Auftraggeber exklusive Rechte an Anpassungen erhält, muss vertraglich geregelt werden.

Ist ODM günstiger als OEM?

ODM ist häufig kostengünstiger und schneller, da Werkzeugkosten bereits im bestehenden Design amortisiert oder geteilt sind. OEM erfordert dagegen die vollständige Entwicklung und Werkzeugauslegung durch den Auftraggeber.

Kann ein Unternehmen ODM und OEM gleichzeitig nutzen?

Ja, viele Unternehmen kombinieren beide Modelle je nach Produktlinie: OEM für Kernprodukte mit hohem Differenzierungsanspruch, ODM für ergänzende Produkte, bei denen ein schneller Markteintritt wichtiger ist als ein exklusives Design.

Fazit: Die Modellwahl entscheidet über Tempo und Differenzierung

ODM und OEM lösen dieselbe Aufgabe, ein Produkt fertigen zu lassen, mit einer grundverschiedenen Verteilung von Designeigentum, Kosten und Zeitaufwand. Wer beide Modelle kennt und die Wahl bewusst an Entwicklungskapazität, Budget und Differenzierungsanspruch ausrichtet, vermeidet teure Fehlentscheidungen bei der Produkteinführung.

Line Up unterstützt Sie bei der Auswahl des passenden Fertigungsmodells und des richtigen Herstellers in Fernost, von der ersten Anfrage bis zur vertraglichen Absicherung Ihres geistigen Eigentums. 👉 Vereinbaren Sie ein unverbindliches Beratungsgespräch.

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