Produktion·11 min Lesezeit

Edelstahl 1.4301: Werkstoffnummer, Eigenschaften, Vergleich

Max Silanoglu
Max Silanoglu9/22/2026
Stahllager mit Edelstahl-Rundmaterial und Abnahmeprüfzeugnissen

Auf der technischen Zeichnung Ihres neuen Lieferanten steht knapp "1.4301". Der Vertriebler am Telefon nennt denselben Werkstoff "V2A". Beide Bezeichnungen meinen dasselbe Material, doch nur wer die Werkstoffnummer wirklich lesen kann, weiß auch, was er bestellt und ob es zur Anwendung passt.

Kurz & knapp: Die Werkstoffnummer 1.4301 bezeichnet einen austenitischen Chrom-Nickel-Stahl mit 17,5 bis 19,5 % Chrom und 8,0 bis 10,5 % Nickel, bekannt unter dem Kurznamen X5CrNi18-10 oder der Handelsbezeichnung V2A. Er ist nicht härtbar, im geglühten Zustand nicht magnetisch und lässt sich sehr gut schweißen. Von verwandten Sorten wie 1.4401 (V4A) unterscheidet ihn vor allem das fehlende Molybdän, was ihn ungeeignet für Salzwasser oder chloridhaltige Umgebungen macht. Der Preis unterliegt zusätzlich einem monatlich schwankenden Legierungszuschlag für Chrom und Nickel.

Was ist eine Werkstoffnummer?

Eine Werkstoffnummer ist die eindeutige, europaweit standardisierte Kennziffer für einen Werkstoff nach EN 10027-2, aufgebaut nach dem Schema Werkstoffhauptgruppennummer.Stahlgruppennummer+Zählnummer (Wikipedia, Werkstoffnummer). Jede Nummer für Stahl beginnt deshalb mit der Ziffer 1, gefolgt von einer zweistelligen Stahlgruppennummer (auch Sortennummer genannt) und einer weiteren zweistelligen Zählnummer, die sich bei Bedarf um bis zu zwei zusätzliche Stellen erweitern lässt.

Parallel zur Werkstoffnummer existiert nach EN 10027-1 ein zweites System: der chemische Kurzname. Er beschreibt die Zusammensetzung direkt in Buchstaben und Zahlen, ohne dass man eine Nummerntabelle nachschlagen muss (stauberstahl.com, Kurznamen für Stähle).

Am Beispiel X5CrNi18-10, dem Kurznamen für 1.4301, lässt sich das System gut nachvollziehen. Das X am Anfang steht für einen hochlegierten Stahl, bei dem mindestens ein Legierungselement einen Anteil von über 5 % hat. Die 5 danach gibt den Kohlenstoffgehalt an, multipliziert mit dem Faktor 100, also 0,05 % Kohlenstoff. Cr und Ni bezeichnen die beiden dominierenden Legierungselemente Chrom und Nickel, die Zahlen 18 und 10 stehen für deren ungefähren Anteil in Prozent, also rund 18 % Chrom und 10 % Nickel.

Für den Einkauf lohnt sich, beide Systeme parallel zu kennen: Die Werkstoffnummer ist kompakt und eindeutig für Bestellungen, der Kurzname verrät auf einen Blick die Legierungslogik, ohne dass man nachschlagen muss. Wer Bauteile aus unterschiedlichen Stahlsorten vergleicht, kommt an dieser Doppellogik kaum vorbei.

Bei der Beschaffung aus Fernost kommt eine weitere Ebene hinzu: Hersteller in Fernost kennen häufig auch nationale Normen ihres eigenen Landes, die sich nicht ohne Weiteres in die europäische Werkstoffnummer übersetzen lassen. Wer auf der Bestellung ausdrücklich die europäische Werkstoffnummer und den Kurznamen nennt, schließt Verwechslungen durch abweichende nationale Klassifizierungen von vornherein aus und macht sich dabei unabhängig von der Übersetzung des Lieferanten.

Gestempelte Werkstoffnummer 1.4301 auf Edelstahlblech

Was bedeutet die Werkstoffnummer 1.4301?

Die Werkstoffnummer 1.4301 bezeichnet einen austenitischen Chrom-Nickel-Edelstahl mit 17,5 bis 19,5 % Chrom, 8,0 bis 10,5 % Nickel und maximal 0,07 % Kohlenstoff (stauberstahl.com, Werkstoffdatenblatt 1.4301; Klöckner facts, Werkstoff 1.4301). Der gebräuchlichste Handelsname für diesen Werkstoff ist V2A.

Der Kurzname X5CrNi18-10 fasst diese Angaben zusammen, wie im vorigen Abschnitt beschrieben. Chrom bildet dabei eine dünne, selbstheilende Passivschicht an der Oberfläche, das Grundprinzip hinter der Korrosionsbeständigkeit von Edelstahl generell. Nickel stabilisiert zusätzlich das austenitische Gefüge und verbessert die Zähigkeit auch bei niedrigen Temperaturen.

Die Bezeichnung V2A geht historisch auf "Versuchsschmelze 2, Austenit" zurück, mehr dazu im Abschnitt zur Geschichte und den Anwendungen weiter unten. In der Praxis werden beide Bezeichnungen, Werkstoffnummer und Handelsname, meist synonym verwendet. Auf verbindlichen Bestellungen und Zeichnungen sollte aber immer die Werkstoffnummer stehen, weil sie eindeutig normiert ist und keine Verwechslung mit ähnlichen Sorten zulässt.

Welche Eigenschaften hat 1.4301?

1.4301 ist ein austenitischer Edelstahl mit einer Zugfestigkeit von 500 bis 700 N/mm², der sich nicht durch Wärmebehandlung härten lässt, aber sehr gut schweißbar ist (Klöckner facts, Werkstoff 1.4301). Diese Kombination macht ihn zu einem der meistverarbeiteten Edelstähle überhaupt.

Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten mechanischen und physikalischen Eigenschaften zusammen, wie sie in gängigen Werkstoffdatenblättern für den geglühten Lieferzustand angegeben werden.

Eigenschaft

Wert

Dichte

7,9 g/cm³

Zugfestigkeit (Rm)

500–700 N/mm²

Streckgrenze (Rp0,2)

≥ 190 MPa (nach DIN EN 10088-3)

Magnetisch

Nein im geglühten Zustand, kann durch Kaltverformung oder Schweißen leicht magnetisch werden

Härtbar

Nein durch Wärmebehandlung, austenitisches Gefüge, nur durch Kaltverformung verfestigbar

Schweißbarkeit

Sehr gut, mit oder ohne Schweißzusatz

Das austenitische Gefüge erklärt gleich zwei praxisrelevante Eigenschaften auf einmal. Weil sich die Kristallstruktur durch Erwärmen und Abkühlen nicht in eine härtere Phase umwandeln lässt, bleibt 1.4301 im Lieferzustand nichtmagnetisch und lässt sich nur über Kaltverformung, etwa Walzen oder Ziehen, in seiner Festigkeit steigern.

Wie unterscheidet sich 1.4301 von 1.4305, 1.4401 und 1.4404?

1.4301 unterscheidet sich von 1.4305 durch das Fehlen eines gezielten Schwefelzusatzes und von 1.4401/1.4404 durch das Fehlen von Molybdän, was jeweils direkte Folgen für Zerspanbarkeit und Korrosionsbeständigkeit hat (weltstahl.com, Werkstoffdatenblatt 1.4401; Grimm Edelstahlhandel, Werkstoffdatenblatt 1.4305). Alle vier Sorten sind chemisch nahe Verwandte, aber keine gleichwertigen Alternativen.

1.4305 basiert auf derselben Grundlegierung wie 1.4301, enthält aber zusätzlich 0,15 bis 0,35 % Schwefel. Dieser Zusatz verbessert die Zerspanbarkeit bei Drehteilen erheblich, senkt aber gleichzeitig die Korrosionsbeständigkeit gegenüber 1.4301 (Grimm Edelstahlhandel, Werkstoffdatenblatt 1.4305). Für Bauteile, bei denen die Korrosionsbeständigkeit wichtiger ist als eine schnelle Bearbeitung, bleibt 1.4301 die richtige Wahl.

1.4401 und 1.4404, gemeinsam unter der Handelsbezeichnung V4A bekannt, enthalten zusätzlich 2,0 bis 2,5 % Molybdän bei einem etwas niedrigeren Chromanteil von 16,5 bis 18,5 % und höherem Nickelanteil von 10,0 bis 13,0 % (weltstahl.com, Werkstoffdatenblatt 1.4401). Molybdän stabilisiert die Passivschicht gezielt gegen Chlorid-Angriffe und schützt so vor Loch- und Spaltkorrosion, weshalb V4A anders als V2A auch für Meerwasser und stark chloridhaltige Umgebungen geeignet ist.

Die folgende Tabelle stellt die vier Sorten direkt gegenüber.

Werkstoffnummer

Kurzname

Chrom

Nickel

Molybdän

Besonderheit

1.4301

X5CrNi18-10

17,5–19,5 %

8,0–10,5 %

Kein

Universeller Korrosionsschutz, V2A

1.4305

X8CrNiS18-9

17,0–19,0 %

8,0–10,0 %

Kein

Schwefelzusatz für Zerspanbarkeit, geringere Korrosionsbeständigkeit

1.4401 / 1.4404

X5CrNiMo17-12-2

16,5–18,5 %

10,0–13,0 %

2,0–2,5 %

Chloridbeständig, salzwasserfest, V4A

Wir sehen in Anfragen aus dem deutschen Mittelstand immer wieder, dass 1.4301 und 1.4401 in derselben Zeichnung als scheinbar austauschbar behandelt werden, meist weil beide "Edelstahl" heißen und optisch kaum zu unterscheiden sind. Sobald ein Bauteil aber mit Reinigungsmitteln, Kochsalzlösung oder maritimer Umgebung in Kontakt kommt, zeigt sich der fehlende Molybdänanteil von 1.4301 sehr schnell als Lochkorrosion, ein Mangel, den die günstigere Sorte im Angebot nicht erkennen lässt.

Was ist der Legierungszuschlag bei 1.4301?

Der Legierungszuschlag ist eine vom Grundpreis getrennte Preiskomponente, die die Rohstoffkosten für Chrom, Nickel, Titan, Molybdän und Niob an den jeweiligen Notierungen der London Metal Exchange in US-Dollar koppelt und monatlich neu berechnet wird (Wikipedia, Legierungszuschlag). Er wird für jede Werkstoffnummer und jede Produktform gesondert ermittelt.

Seit dem 1. Oktober 2007 fließt in die monatliche Berechnung nur noch die Preisentwicklung des jeweils vorangegangenen Monats ein, ein methodischer Wechsel, der die Zuschläge etwas planbarer machte als zuvor (Wikipedia, Legierungszuschlag). Für 1.4301 heißt das konkret: Der Werkstoff enthält Chrom und Nickel, ist also den Preisschwankungen dieser beiden Rohstoffe direkt ausgesetzt. Molybdän spielt für 1.4301 dagegen keine Rolle, anders als bei 1.4401 oder 1.4404, deren Zuschlag zusätzlich von der Molybdän-Notierung abhängt.

Für den Einkauf bedeutet das, dass zwei Angebote mit identischem Grundpreis je nach Bestelldatum trotzdem unterschiedlich hoch ausfallen können, weil sich der Legierungszuschlag zwischen den Monaten verschiebt. Wie sich solche variablen Kostenbestandteile transparent nachvollziehen lassen, beschreiben wir ausführlich im Beitrag zum Open-Book-Verfahren, das genau für diese Art von Preisbausteinen entwickelt wurde.

In unseren Beschaffungsprojekten mit 1.4301-Bauteilen legen wir den Legierungszuschlag standardmäßig getrennt vom Fertigungspreis offen. So sehen unsere Kunden auf einen Blick, welcher Anteil einer Preisänderung tatsächlich auf schwankende Rohstoffnotierungen zurückgeht und welcher Anteil verhandelbar bleibt.

Wofür wird 1.4301 typischerweise eingesetzt?

1.4301 gilt als der erste kommerziell produzierte rostfreie Stahl (montanstahl.com, Geschichte von Edelstahl Rostfrei) und macht heute rund ein Drittel der Edelstahlproduktion aus (Wikipedia, Rostfreier Stahl). Diese Marktposition erklärt sich aus der breiten Einsetzbarkeit bei moderaten Kosten.

Erfunden wurde der Werkstoff von Prof. Benno Strauß und Dr. Eduard Maurer bei der Friedrich Krupp AG, patentiert am 18. Oktober 1912 (montanstahl.com, Geschichte von Edelstahl Rostfrei). Der Name V2A stand ursprünglich für "Versuchsschmelze 2, Austenit", eine von mehreren Testchargen aus der frühen Entwicklungsphase, deren Bezeichnung sich bis heute im Sprachgebrauch der Branche gehalten hat.

Typische Einsatzfelder von 1.4301 sind, nach Angaben von thyssenkrupp-schulte.de und den Werkstofffakten von Klöckner zu 1.4301:

  • Lebensmittelindustrie: Arbeitsflächen, Behälter und Fördertechnik mit direktem Lebensmittelkontakt

  • Getränkeindustrie: Tanks, Rohrleitungen und Abfüllanlagen

  • Küchengeräte: Spülbecken, Arbeitsplatten und Gehäuse für Haushalts- und Gewerbeküchen

  • Architektur und Fassaden: Geländer, Verkleidungen und Fassadenelemente im Außenbereich

  • Chemische Verarbeitung: Bauteile ohne starke Chloridbelastung

  • Haushaltsgeräte: Gehäuse und Innenteile für Elektrogeräte

In all diesen Bereichen überzeugt 1.4301 durch die Kombination aus guter Korrosionsbeständigkeit, leichter Reinigbarkeit und sehr guter Schweißbarkeit, ohne dass die zusätzlichen Kosten eines molybdänhaltigen Chromnickelstahls gerechtfertigt wären.

Diese breite Verbreitung wirkt sich auch auf die Beschaffung selbst aus. Weil 1.4301 von nahezu jedem Edelstahlverarbeiter weltweit verarbeitet wird, lassen sich Lieferzeiten und Mindestmengen in der Praxis oft flexibler gestalten als bei selteneren, molybdänhaltigen Sorten. Für Bauteile ohne besondere Anforderung an die Chloridbeständigkeit sollte diese praktische Verfügbarkeit deshalb genauso in die Werkstoffentscheidung einfließen wie die reinen technischen Kennwerte.

Häufig gestellte Fragen zu 1.4301

Ist 1.4301 magnetisch?

Im geglühten Lieferzustand ist 1.4301 praktisch nichtmagnetisch, kann aber durch Kaltverformung wie Biegen oder Tiefziehen sowie durch Schweißnähte lokal leicht magnetisch werden. Der Effekt bleibt meist auf die verformten oder erhitzten Bereiche begrenzt.

Kann man 1.4301 härten?

Nein, 1.4301 lässt sich nicht durch klassische Wärmebehandlung härten, weil sein austenitisches Gefüge sich dabei nicht in eine härtere Phase umwandelt. Eine Festigkeitssteigerung ist nur über Kaltverformung möglich, etwa durch Walzen oder Ziehen.

Ist 1.4301 dasselbe wie V4A?

Nein, V4A bezeichnet die Werkstoffnummern 1.4401 und 1.4404, die zusätzlich 2,0 bis 2,5 % Molybdän enthalten. 1.4301 ist V2A und enthält kein Molybdän, weshalb beide Sorten für unterschiedliche Einsatzumgebungen geeignet sind.

Ist 1.4301 seewasserbeständig?

Nein, für Meerwasser oder stark chloridhaltige Umgebungen ist 1.4301 nicht geeignet, weil ihm die stabilisierende Wirkung von Molybdän fehlt. Für solche Anwendungen sind 1.4401 oder 1.4404 die passende Wahl.

Kann man 1.4301 schweißen?

Ja, 1.4301 lässt sich sehr gut schweißen, sowohl mit als auch ohne Schweißzusatz. Die austenitische Struktur bleibt dabei weitgehend stabil, weshalb sich der Werkstoff auch für komplexe, geschweißte Baugruppen eignet.

Fazit: 1.4301 richtig lesen und die passende Werkstoffnummer bestellen

Die Werkstoffnummer 1.4301 steht für einen bewährten, universell einsetzbaren Chrom-Nickel-Edelstahl, dessen Grenzen aber klar definiert sind: kein Schutz gegen Chloride, keine Härtbarkeit durch Wärmebehandlung. Wer diese Grenzen kennt und sie mit den Kosten des Bauteils über seine gesamte Nutzungsdauer abwägt, wie im Beitrag zum Total Cost of Ownership beschrieben, trifft eine wirtschaftlich fundierte Wahl, die über den reinen Anschaffungspreis hinausgeht.

Auf der Bestellung zählt am Ende nur die eindeutige Kombination aus Werkstoffnummer, Kurzname und, wo relevant, dem aktuellen Legierungszuschlag. Nur diese Kombination erlaubt einen echten Vergleich zwischen zwei Angeboten, ganz unabhängig davon, ob der Fertigungspartner in Europa oder in Fernost sitzt. Wer nur nach "V2A" oder "Edelstahl" fragt, riskiert dagegen unbemerkt eine andere Sorte zu erhalten, als eigentlich benötigt wird.

Line Up unterstützt seit über 30 Jahren deutsche Mittelstandsunternehmen bei der Beschaffung von Metallbauteilen aus dem Fernen Osten, von der richtigen Werkstoffauswahl bis zur transparenten Kalkulation von Legierungszuschlägen. Wenn Sie für Ihr nächstes Bauteil einen Fertigungspartner suchen, der mit 1.4301 sicher umgeht und Ihnen die Werkstoffnummer zuverlässig in der entsprechenden Fertigungsqualität liefert, sprechen wir gerne mit Ihnen über Ihre konkrete Anforderung.

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