Eine Bestellung "Stahlblech nach DIN EN 10025" lässt sich mit dieser Angabe allein nicht ausführen. Ohne exakte Gütebezeichnung wie S235JR oder S355J2 bleibt offen, welche Festigkeit und Zähigkeit das Material tatsächlich liefern muss. Beide Bezeichnungen stammen aus DIN EN 10025, der zentralen europäischen Normenreihe für warmgewalzten Baustahl. Fehlt diese Präzisierung, liefert der Hersteller im Zweifel ein Bauteil, das zwar als "Baustahl" gilt, die geforderten Eigenschaften aber nicht erfüllt.
Kurz & knapp: DIN EN 10025 ist die europäische Normenreihe für warmgewalzten Baustahl. Sie umfasst sechs Teile, von allgemeinen Lieferbedingungen (Teil 1) bis zu vergüteten Feinkornbaustählen (Teil 6). Teil 2 regelt die gängigsten unlegierten Baustähle wie S235JR (1.0038) und S355J2 (1.0577). Die Bezeichnung codiert Streckgrenze und Kerbschlagzähigkeit, die tatsächliche Festigkeit hängt zusätzlich von der Blechdicke ab.
DIN EN 10025 legt die technischen Lieferbedingungen für warmgewalzte Erzeugnisse aus Baustahl fest, also für Bleche, Profile und Stäbe. Diese kommen vor allem in geschweißten, geschraubten oder genieteten Konstruktionen zum Einsatz. Die Norm definiert dafür verbindliche Werte für chemische Zusammensetzung, mechanische Eigenschaften und zulässige Abweichungen.
Herausgegeben wird sie vom Europäischen Komitee für Normung (CEN) und in Deutschland über DIN Media als nationale Norm veröffentlicht. Für Einkäufer ist sie deshalb relevant, weil eine Bestellung "nach DIN EN 10025" erst mit der genauen Teilenummer und Güte eindeutig wird. Die bloße Nennung der Norm allein legt weder Festigkeit noch Zähigkeit fest.
Für Bauteile, die in ein Bauwerk eingehen, kommt zusätzlich die europäische Bauprodukteverordnung ins Spiel. Baustahl nach dieser Norm fällt in diesem Fall unter eine harmonisierte europäische Norm. Er benötigt dann eine Leistungserklärung sowie eine CE-Kennzeichnung, bevor er in der EU auf einer Baustelle verbaut werden darf. Für den reinen Maschinen- und Anlagenbau außerhalb des Bauwesens gilt diese Pflicht dagegen nicht.
DIN EN 10025 gliedert sich in sechs Teile, die jeweils eine eigene Stahlgruppe abdecken. Teil 1 legt die allgemeinen Lieferbedingungen fest, die für alle übrigen Teile gelten, etwa zu Prüfverfahren und Bescheinigungsarten. Teil 2 ist der mit Abstand am häufigsten nachgefragte Teil, da er die unlegierten Baustähle des allgemeinen Stahl- und Maschinenbaus regelt.
Teil | Inhalt | Typische Güten |
|---|---|---|
Teil 1 | Allgemeine technische Lieferbedingungen | – |
Teil 2 | Unlegierte Baustähle | S235JR, S275JR, S355J2 |
Teil 3 | Normalgeglühte/normalisierend gewalzte Feinkornbaustähle | S275N, S355N |
Teil 4 | Thermomechanisch gewalzte Feinkornbaustähle | S275M, S355M |
Teil 5 | Wetterfeste Baustähle | S235J0W, S355J2W |
Teil 6 | Vergütete Flacherzeugnisse hoher Streckgrenze | S460Q, S690Q |
Teil 3 und Teil 4 unterscheiden sich vor allem im Walzverfahren. Normalisierend gewalzte Feinkornbaustähle (Teil 3) werden nachträglich normalgeglüht. Thermomechanisch gewalzte Sorten (Teil 4) erreichen ihr feinkörniges Gefüge dagegen bereits durch eine kontrollierte Walztemperatur. Teil 5 behandelt wetterfeste Baustähle, deren legierte Oberfläche gezielt eine schützende Rostschicht bildet, etwa für unbeschichtete Fassaden oder Brücken. Teil 6 deckt vergütete Feinkornbaustähle mit besonders hoher Streckgrenze ab, wie sie im Kranbau oder Schwermaschinenbau gefragt sind.
Die Kurzbezeichnung folgt einem festen Schema: Das "S" steht für Baustahl (structural steel). Die folgende Zahl gibt die Mindeststreckgrenze in N/mm² bei einer Bezugsdicke von 16 mm an. S355J2 hat also eine Mindeststreckgrenze von 355 N/mm², S235JR entsprechend 235 N/mm².
Der Buchstabencode danach beschreibt die Kerbschlagzähigkeit. JR steht für 27 Joule bei Raumtemperatur (20 °C). J0 steht für 27 Joule bei 0 °C. J2 steht für 27 Joule bei minus 20 °C. Je niedriger die Prüftemperatur, desto zäher muss der Stahl bei Kälte bleiben. Das ist gerade für Stahlbau im Freien oder in kalten Klimazonen relevant. Zusätzliche Kürzel wie +N (normalgeglüht) oder +AR (wie gewalzt, ohne Wärmebehandlung) geben den Lieferzustand an.
Diese Werkstoffbezeichnung für Baustahl ist nicht mit der numerischen Werkstoffnummer (1.xxxx) nach DIN EN 10027 zu verwechseln. DIN EN 10025 legt Kurzbezeichnung und Eigenschaften fest, die Werkstoffnummer selbst vergibt ein eigenes Nummernsystem.
In unseren Beschaffungsprojekten lassen wir uns von Lieferanten grundsätzlich die vollständige Bezeichnung bestätigen, nicht nur "S355" oder "Baustahl nach EN 10025". Das schließt Gütekennzahl und Lieferzustand mit ein. Gerade bei Fernost-Lieferanten hat sich das mehrfach ausgezahlt, weil sonst regelmäßig eine günstigere Güte mit niedrigerer Kerbschlagzähigkeit geliefert wird.
Die in der Bezeichnung genannte Streckgrenze gilt nur bis zu einer bestimmten Bezugsdicke, meist 16 mm. Mit zunehmender Blechdicke sinkt die Streckgrenze spürbar, da dickeres Material langsamer abkühlt und ein gröberes Gefüge ausbildet. Wer eine Festigkeit für ein bestimmtes Bauteil zusagt, ohne die tatsächliche Dicke zu berücksichtigen, geht ein Risiko ein. Im schlimmsten Fall kalkuliert er mit einem zu hohen Wert.
Dicke (mm) | S235JR – Streckgrenze | S355J2 – Streckgrenze |
|---|---|---|
≤ 16 | 235 N/mm² | 355 N/mm² |
16–40 | 225 N/mm² | 345 N/mm² |
40–63 | 215 N/mm² | 335 N/mm² |
63–80 | 215 N/mm² | 325 N/mm² |
80–100 | 215 N/mm² | 315 N/mm² |
100–150 | 195 N/mm² | 295 N/mm² |
Quelle: DIN EN 10025-2:2019-10, Streckgrenzenwerte je Dickenbereich (Auszug).
Bei einem 90 mm dicken S355J2-Blech liegt die garantierte Streckgrenze also bei 315 statt 355 N/mm². Das ist ein Unterschied von über 10 Prozent. Für die Bauteilauslegung sollte diese Tabelle deshalb immer anhand der tatsächlich bestellten Dicke gelesen werden, nicht anhand des Nennwerts aus der Kurzbezeichnung.
Für die Bestellung reicht die Kurzbezeichnung allein nicht aus. Vertraglich sollten Einkäufer zusätzlich den geforderten Lieferzustand, die Bezugsdicke und die Art des Prüfzeugnisses festlegen. Nach dem Kundeninformationsschreiben von Dillinger zur EN 10025:2019 hat sich mit der aktuellen Ausgabe von Teil 2 die maximale Nenndicke für die Güten JR und J0 erhöht. Sie liegt jetzt bei 400 mm (zuvor 250 mm). Außerdem werden Stahlsorten seither standardmäßig mit CE-Kennzeichnung geliefert, sofern nichts anderes vereinbart ist. Das zeigt: Auch etablierte Normen entwickeln sich weiter.
Nach unserer Erfahrung fragen Einkäufer die chemische Zusammensetzung selten aktiv ab, obwohl sie im Prüfzeugnis mitgeliefert werden sollte. Gerade bei sicherheitsrelevanten Stahlbauteilen lohnt sich der Blick auf ein Abnahmeprüfzeugnis 3.1. Es dokumentiert die tatsächliche Schmelzanalyse der gelieferten Charge, statt sich auf eine allgemeine Konformitätserklärung zu verlassen.
Eine Wareneingangsprüfung mit Materialabgleich schützt zusätzlich davor, dass eine falsche Güte unbemerkt verbaut wird. Bei geschweißten Stahlbaugruppen lohnt sich außerdem ein Blick auf die zulässigen Allgemeintoleranzen nach ISO 2768. Maßabweichungen fallen bei größeren Stahlbauteilen schnell ins Gewicht. Wer zusätzlich hochlegierte Alternativen prüft, findet einen Einstieg im Beitrag was Edelstahl von Baustahl unterscheidet.
Bei der Beschaffung aus Fernost lohnt sich zusätzlich ein früher Blick auf Verfügbarkeit und Lieferzeit. Standardgüten wie S235JR und S355J2 sind in gängigen Abmessungen meist kurzfristig verfügbar. Feinkornbaustähle nach Teil 3 oder 4 sowie vergütete Sorten nach Teil 6 werden dagegen häufig erst auf Bestellung gewalzt. Das bedeutet entsprechend längere Vorlaufzeiten.
Die Norm legt die technischen Lieferbedingungen für warmgewalzte Baustähle fest, darunter chemische Zusammensetzung, mechanische Eigenschaften und Prüfverfahren. Sie ist dafür in sechs Teile für unterschiedliche Stahlgruppen aufgeteilt.
Das S steht für Baustahl, 235 für die Mindeststreckgrenze in N/mm² bei 16 mm Dicke. JR steht für eine Kerbschlagzähigkeit von 27 Joule bei Raumtemperatur.
Eine exakte 1:1-Entsprechung gibt es nicht, da sich die Prüfsystematik unterscheidet. In der Praxis wird S235JR am ehesten mit ASTM A36 verglichen. S355J2 lässt sich am ehesten mit ASTM A572 Grade 50 vergleichen, jeweils mit leicht abweichenden Grenzwerten.
Nein. Die Norm regelt unlegierte und niedriglegierte Baustähle, während Edelstahl durch einen hohen Chromanteil eine deutlich höhere Korrosionsbeständigkeit erreicht.
Dickeres Material kühlt beim Walzen langsamer ab und bildet ein gröberes Gefüge, was die erreichbare Streckgrenze senkt. Die Norm trägt dem mit gestaffelten Grenzwerten je Dickenbereich Rechnung.
DIN EN 10025 ist kein einzelnes Regelwerk, sondern eine sechsteilige Normenreihe, die je nach Anforderung eine passende Baustahlgruppe bereithält. Wer bei der Beschaffung nicht nur die Kurzbezeichnung angibt, sondern auch Teilenummer, Lieferzustand und Bezugsdicke, bekommt ein passendes Bauteil. Es liefert exakt die Festigkeit, die die Konstruktion tatsächlich braucht.
Als Prozess-Spezialisten unterstützen wir bei Line Up unsere Kunden bereits bei der Materialauswahl und stimmen Güte, Lieferzustand und Prüfnachweise auf das jeweilige Bauteil ab. 👉 Vereinbaren Sie einen unverbindlichen Beratungstermin und wir prüfen gemeinsam, welche Baustahlgüte für Ihr nächstes Projekt die richtige Wahl ist.
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